Wischen - No Vision

von
Gerd Noack/Marc Seitz (Musik)Andreas Bisowski (Text)

 

 Wenn der Job  

zum Alptraum wird

 

   

Neuköllner Oper

Gewinner des Neuköllner Opernpreises 2004 

Inszenierung: Stephan Bruckmeier

Musikalische Leitung: Hans-Peter Kirchberg

Mus. Einstudierung u. Leitung: Roland Vieweg

Ausstattung: Meentje Nielsen

Mitwirkende: Thomas Franke, Hartmut Kühn, Elisabeth Striewe, Anja Taube, Leigh Adoff und Harry Tchor

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  Woher kommt nur dieses schreckliche Bild der ausgenutzten, von arroganten, selbstherrlichen Chefs zu Sklavenfron verurteilten, schlecht bezahlten Putzfrauen und Männer, die doch letztlich nichts anderes tun als was Frauen ( und manchmal auch Männer) Zeit ihres Lebens tun müssen: für Ordnung und Sauberkeit in einem mehr oder minder großen Familienhaushalt zu sorgen? Wer oder was wird da eigentlich in die abgewertete Müll-Ecke gestellt?

 Davon einmal abgesehen, gibt es - wie in jedem anderen Beruf auch - mehr oder minder engagierte, fleißige, selbstbewusste, gewitzte Menschen, die durchaus auch Freude an ihrem Job haben. Zugegeben, der ist meistens schlecht bezahlt - doch wie hoch ist eigentlich der Lohn einer Hausfrau, der vieler Mütter und Frauen dieser Republik, die keinen gesellschaftlich anerkannten "Zweitberuf" haben?

Gerne möchte man den Textschreiber (Gewinner des Neuköllner Opernpreises 2004) einmal fragen, was er sich bei dem wirren Libretto der zwei musikalisch interessanten Versionen zu dem Thema "Wischen" eigentlich gedacht hat - oder ist er gar mit dem Thema überfordert gewesen, ist ihm nichts anderes eingefallen als eine Fülle abgedroschener Klischees? Wie das der putzfeindlichen kapriziösen Französin, der robusten Leiterin des Putzgeschwaders und des sanftmütigen aus der Berufsbahn geworfenen Mannes, der, oh Weh, nun auch die Arbeit unzähliger Frauen verrichten muß? Und was sollen die albernen Vorstandsherren mit ihren Spielzeugpistolen und ihrem perversen Rollenspiel eigentlich aussagen? Absurdeste Phantasien, aber nicht von deutschen oder ausländischen Putzfrauen und irrenhausreifen Firmenchefs, sondern von Herrn Bisowski.

Also das nächste Mal entweder eine andere inhaltliche Vorgabe oder eine logisches Libretto, Ihr Herren von der Jury oder wer immer diesen Preis ausschreibt.

Dass es sich hier um zwei außerordentlich gewitzte und begabte Nachwuchskomponisten handelt, und dass Hans-Peter Kirchberg in gewohnt souveräner Form Orchester und Sänger zu einer wunderbar homogenen Einheit führen kann, stimmt wiederum versöhnlich. Mag auch Marc Seitz, der die erste Hälfte des Abends musikalisch bestreitet, noch mehr Vergnügen an einem Gemischtwarenladen aus Pop-, Oper, Operette, Musical und Salonmusik haben, so muss man Gerd Noack eine durchgängig modern rhythmisch-klangvolle Komposition zugestehen, die eine faszinierende Dynamik entwickelt und diesen Spannungsbogen über verschiedene instrumentale soli und gesamtorchestrale Klangführung bis zum letzten Ton beizubehalten vermag, würde nicht die quirlige Handlung den Hörgenuss immer wieder zu unterbrechen drohen.

Da die Inszenierung aber sehr geschickt durch die abstrusen Folgen der beiden Geschichten führt und gemeinsam mit dem sparsam-eindrucksvollen Bühnenbild  durchaus gelungene Effekte beschert, die Sängerinnen und Sänger mit Schwung und Witz die oft schwierigen, abstrakten Notensprünge und verwirrenden Handlungspassagen in Einklang zu bringen vermögen, ist diese etwas andere Inszenierung an der Neuköllner Oper durchweg empfehlenswert.

Wie bereits zuvor in vielen anderen Rollen der neuen Opernmusik fasziniert vor allem Hartmut Kühn mit einem ausgeformten dramatischen Tenor, seiner subtilen Stimmführung und einer ausdrucksvoller Mimik als Putzmann Birger vor allem im ersten Teil der Geschichte. Hier ist er mit einem schicksals-schweren Solo bedacht, dass der Comedy-Opera einen ernsthaften und anrührenden Touch verleiht. Ihm zur Seite als komische, respekterheischende Putz-Chefin Antonia kann Elisabeth Striewe mal füllig-weich Sanftmut ausstrahlen und dann jäh mit glaszerschneidendem Mezzo die Leute das Fürchten lehren. Als Abendüberraschung brillierte Leigh Adoff als quicklebendige, verführerische Chantal mit strahlendem Sopran - querköpfig und leichtsinnig bringt sie den Stein der Geschichten ins Rollen. Thomas Franke verfügt über eine eindrucksvolle Statur und einen ebensolchen Bariton; mit der Figur schlenkert er absonderlich herum, die Stimme hat er wohl und wohltönend "im Griff". Eigentlich ein netter Boss, wenn auch etwas durchgeknallt... Der kleine Angestellte neben ihm soll wohl den ewig getreuen Handlager mimen, für Harry Tchor eine stimmlich unterforderte Rolle, aber er macht dank ausdrucksvoller Mimik und Komödiantentum das Beste daraus. A.C.