With/out Tutu

 mit dem
Staatsballett Berlin

 

 

Es bleibt alles klassisch schön und perfekt

 

 

Choreographien von Forsythe, Gates, Tippet


Staatsoper unter den Linden

Berliner Staatsballett

 Musikalische Leitung: Vello Pähn, Staatskapelle Berlin

Es tanzen:
Vladimir Malakhov, Beatrice Knop, Shoo Nakamura, Nadja Saidakova, Polina Semionova, Mikhail Kaniskin, Ronald Savkovic, Dmitrij Semionov

sowie weitere Solisten und das Corps de ballet

 

 

 
 1. "The vertiginous thrill of exactude", Musik von Franz Schubert (Symphonie Nr. 9 C.Dur, Allegro Vivace), Choreographie: William Forsythe

2. Uraufführung: "Courtin the invisible", Musik von Fanny Hensel und Felix Mendelssohn Bartholdy, Choreographioe: Jodie Gates

3. Deutsche Erstaufführung: "Bruch Violon Concerto No.1", Musik von Max Bruch (Konzert für Violine Nr. 1 G-Dur, op.26) Choreographie: Clark Tippet

 Das Titelbild dieser neuen Tanzformationen zeigt den Tänzer Malakhov mit einem seiner virtuosen Luftsprünge im Spiegelbild, einmal mit Tutu, einmal nur als muskulösen maskulinen Körper.  Also, alles einerlei - nur mal mit, mal ohne Gaze und Tüll? Oder gibt es da doch sichtbare Unterschiede zwischen den klassisch getanzten Formationen, Sprüngen, Drehungen, Soli und Paartänzen und der Ensemble-Choreographie?

Zunächst das Klassische Repertoire eines Meisters: Nach der Vorgabe von William Forsythe wirbeln zwei Paare (die Herren Malakhov und Dinu Tamazlacaru führen die Prima Ballerinen Semionova, Nakamura und Knop) über den viel zu glatten Bühnenboden. In seltsam tellerrandsteifen Tutus trippeln die Damen, die Herren in engen roten Trikots, die an die Bademode der 20er Jahre erinnert, zeigen Beinarbeit und Muskelspiel. Farblich ist diese Kombination nicht unbedingt gelungen, dafür aber die Interpretation des "Vivace", das sich zu mehr als reiner "Lebendigkeit" gebiert; so rasant, so fulminant, so rasend feurig und vernetzt wird man diese Schubert C-Dur Symphonie wohl selten zu sehen und zu hören bekommen; denn das Orchester unter Vello Pähn leistet Unglaubliches: nicht einen Takt weicht es von den Bewegungen der Tänzer ab, nicht eine Sekunde verlieren deren Bewegungen die Kongruenz zur Musik, die in vier Sätzen mit vier großartigen Studien den Tänzern ein Höchstmaß an Virtuosität, Kunstfertigkeit, Sicherheit und - vor allem - Tempo abverlangt! Der "schwindelerregende  Schauder der Exaktheit" überträgt sich auf ein atemloses Publikum, das mit  Beifall und Blumenovationen kaum an sich halten kann!

Dann, nach diesen perfekt ausgetanzten klassischen Formationen und  faszinierenden Finessen folgt die Version -  mit nur mit drei asymmetrisch dekorierten Perlenvorhängen auf der dezent ausgeleuchteten Bühne - einer "modernen" neuen Beschwörung: Die jetzt ins Artistische übergleitenden Bewegungsabläufe der Tänzer und Tänzerinnen erinnern an die auf neue Ästhetik und Ausdrucksformen abgestellte Tanzkunst der Ballettmeisterin Sasha Waltz, die eine ihrer berühmtesten Choreographien mit "Körper" betitelt und damit alles sagt: Der Körper ist Meister und Mittelpunkt alles Ausdrucks, aber er ist nur Selbstzweck, er erzählt keine Geschichten mehr, und wenn, so werden Zusammenhänge fragmentarisch in Bruchstücke aufgeteilt, verbinden sich Augenblicke zu einem schwer durchschaubaren Geflecht (siehe Perlenvorhänge) einer sich verdichtenden Masse.

Das Berlin-Ballett allerdings bleibt vorwiegend seinem klassischen Sendungsbewusstsein treu und verharrt in der Kombination von harmonischen, hingebungsvollen Bewegungsabläufen, die Körper und Psyche als Einheit des Ausdrucks begreifen. Das wird - durch sich wiederholende sanfte und zärtliche, wenn auch oft sich stark verbiegende Begegnungen der Tänzerinnen vor allem in eine neue, andere, nicht für jedermann verständliche Sprache übertragen; Der Amerikaner Gates spielt ebenso mit der weiteren Vervollständigung des klassischen Repertoires als auch mit starken Gefühlselementen, die das Bewusstsein der Kunst jenseits des Atlantiks viel früher begleiteten als im alten Europa, wo Strenge und Formtreue lange Zeit als oberstes Gebot galten.

Als letzte Darbietung, nun wieder klassisch perfekt, folgt das überaus zärtlich-romantische Violinkonzert von Max Bruch; Auch Mendessohn Bartholdy läßt ja seine Noten sanft und liebevoll ausschwingen, doch wer Bruchs süßen Liebesreigen nicht ertragen kann, sollte sich doch an Sasha Waltz halten; hier wird die Elegie ganz groß geschrieben, der Moment in Zeitlupe im Pas de Deux festgehalten, während das Corps de ballet seitlich in Sprüngen über die Bühne wirbelt. Nicht sehr abwechslungsreich, aber wie soll man einer so romantisch unantastbaren Musik anders gerecht machen, als ihr sanft zu folgen? In früheren, hoffentlich noch nicht vergessenen Zeiten, als ein variabel ausgerichtetes Ballett auch an der Kleinen Komischen Oper großartige  Leistungen präsentierte, reagierten die Medien voller Häme. Jetzt ist es ihnen nicht modern genug. Es mag sein wie in der Bildenden Kunst: Erst wer einen Goya begreift, sollte sich der Moderne nähern. A.C.