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Adams Äpfel von
Thomas Anders Jensen |
Die moderne Geschichte Hiobs
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Regie und Bühne: Lukas Langhoff/ Regina Fraas; Kostüme: Alexander Wolf mit: Friederike Walke, Simon Brusis, Roland Kuchenbuch, Philipp Mauritz, Oktay Ozdemir, Florian Schmidke
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"Adams Äpfel“ ist die Bühnenfassung der grandios verfilmten Geschichte des dänischen Drehbuchautors und Regisseurs Thomas Anders Jensen. Einem ausgebufften Skinhead verschlägt es schier die Sprache als er zur Resozialisieurng in das kleine Therapiezentrum von Pastor Ivan gerät, wo eine kleine Gruppe auserlesener Straftäter unter der seltsam schizoiden Fuchtel eines scheinbar unendlich gütigen und dann wieder unerklärbar rigorosen Geistlichen tun und lassen kann, was sie will. Beinahe jedenfalls. Dem Neonazi Adam wird von Ivan als Therapieziel, ohne dass er recht zur Besinnung findet, auferlegt, einen Apfelkuchen zu backen, im Herbst, wenn die Früchte des Baums in Pastors Garten reif sind. Adam hält alle für bescheuert und bekloppt und kann seine Wut angesichts der Scheinwirklichkeit, in der sich Ivan befindet, nicht länger beherrschen und schlägt den Pfarrer brutal zusammen. Doch der bleibt bei seiner abnormen Sonnenschein-Realität. Denn deren Gutmenschentum basiert auf der Vorstellung, dass alles Böse vom Teufel gewollt und erfunden ist, und man es hinnehmen müsse als Prüfung Gottes. Ein moderner Hiob also, der allerdings das alte Testament dann wohl doch nicht so genau gelesen oder verstanden hat. Erst der Neonazi Adam wird es ihm später schonungslos an den Kopf werfen. Ivan aber hat sich seine eigene Wirklichkeit zurechtgedacht, verdrängt, was immer ihm das Schicksal aufgebürdet hat und schließt Augen, Herz und Verstand vor aller Pein. Ein Tumor im Hirn tut das Übrige, um seine Wahrnehmungsfähigkeit zu absorbieren. Als er von Adam halb totgeschlagen, von dessen "Freunden" zerschossen, überraschend zu neuem Leben erwacht, kann er endlich seine Mitmenschlichkeit neu überdenken und sie auf ein realistisches Fundament stellen, auf einer Realität aufbauen, der man ins Antlitz blicken muss. Und die ist bei weitem nicht so rosig, aber auch nicht ganz so erbarmungslos, wie es den Anschein hat. Und Adam? Er geht tatsächlich einen Weg, den man als Schicksal oder von Gott gewollt ansehen kann. er mutiert vom faschistischen Brutalo zum therapeutischen Hilfssheriff an der Seite Ivans. Ende gut, alles gut - nicht so ganz . Denn ein Augenzwinkern ist ebenso dabei wie die Frage nach der Glaubensdimension, nach Halt und Gehaltenwerden, nach dem Sinn und Ziel allen Leids und der Bewältigung scheinbar auswegloser Situationen. Das gibt genügend Stoff für Diskussionen. Vielleicht hat Lukas Langhoff
deshalb die Theaterfassung auch im Pferdestall, dem Forum für die
Jugend, angesiedelt, obgleich es mit seiner überbordenden Dramatik und
seines schweren Gehalts durchaus einen Platz im Großen Haus finden
sollte. Ob dazu dann aber die doch recht reduzierte Inszenierung
ausreicht, ist fraglich. Denn die Darsteller hocken vornehmlich auf
einer langen weißen Bank, hinter der sie zuweilen in irgendwelche
imaginäre Räumlichkeiten des Pfarrhauses abzutauchen, die eine nicht
unwesentliche Rolle spielen wie der defekte Herd in der Küche, das
Alkohollager im Keller oder die schlichte Kammer Adams, in der er der
Bibel auf dem Nachttisch ein Porträt von Adolf Hitler entgegensetzt.
Nach dem 2005 herausgebrachten Film mit Mads Mikkelsen und Ulrich Thomsen haben es natürlich Bühnenschauspieler schwer, deren brillante, expressive Darstellung zu erreichen, die mit filmischen Mitteln ja gänzlich andere Möglichkeiten ausschöpfen kann. Aber Simon Brusis kommt dem Mikkelsen-Ivan bewundernswert nahe. Trotz der etwas albern wirkenden Fußballerkluft, die, wie man später erfahren wird, dem innigen Wunsch entspricht, mit seinem Sohn auf der Wiese zu kicken, verliert sein Seelsorger dennoch nicht an dramatischer Glaubwürdigkeit. Er berührt in seiner Naivität, verschreckt gleichermaßen mit unbarmherziger Heftigkeit, wenn er dem alten Paul z.B. nicht erlaubt, während der Predigt die Kirche zu verlassen, um die Toilette aufzusuchen, überwindet mit beinahe blindem Mut und unlogischer Unbeirrbarkeit alle Hürden dabei mit schier abenteuerlichem Tempo. Auch Florian Schmidtkes Adam ist bestens gezeichnet; zunächst dümmlich dreinblickend, total vor den Kopf gestoßen von diesem seltsamen Gemisch an kaputten Typen und einem irren Pfarrer, dann sich steigernd zu unendlicher Wut, als er sein eigenes Weltbild nicht länger festhalten kann und Ivan niederschlägt - und am Ende als (etwas zu) milder junger Mann, der zu neuem Selbstwertgefühl gefunden hat. Dass der debile Triebtäter Gunnar, stets im kurzen Tennisdress und voller Fusel, mit allerlei Grimassen und Allüren dank Philipp Mauritz eher als fröhlicher denn als gefährlicher Typ in diesem Team auftritt, war zu erwarten; und auch die vorwiegend auf selige Schnapsduselei reduzierte Friederike Walke, deren Gestammel nur Pastor Ivan zu deuten versteht, fügt sich köstlich, wenn auch nicht ganz so tragisch ein, wie es die Rolle einer schwangeren, heimatlosen, ehelosen Alkoholikerin eigentlich erwarten lässt. Für Oktay Özdemir ist der deutsch (dänisch) radebrechende Khalib ein gefundenes Fressen. So herzerfrischend hat man noch keinen Terroristen auf die Bühne gebracht, was sich aber ja auch wohl nur die freiheitlich lebenden und denkenden Dänen erlauben dürfen, wie man aus dem Karikaturenstreit ja weiß. Wie überhaupt zu Beginn der Aufführung viel skurriler Humor zu spüren ist und von den Zuschauern auch gedankt wird - ein frühes Bonbon, das die spätere Düsternis leichter ertragen lässt. A.C.
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