Andromache

nach Jean Racine (1639-1699)

bearbeitet von Luk und Peter Perceval

Standbilder der Unvergänglichkeit

Ausgezeichnet mit dem Friedrich-Luft-Preis als beste Inszenierung des Jahres 2003

 

Schaubühne

am Lehniner  Platz

Deutsch von Rainer Kersten
Deutschsprachige Erstaufführung
Koproduktion mit Het  Toneelhuis Antwerpen

 

Regie:
Luk Perceval
Bühne:
Annette Kurz
Kostüme:
Ilse Vandenbussche
Dramaturgie:
Maja Zade
Licht:
Mark Van Denesse

mit:
Yvon Jansen (Hermione, Tochter der Helena und des Menelaos); Mark Waschke (Pyrrhus, König von Epirus); Ronald Kukulies (Wächter); Jutta Lampe (Andromache, Witwe Hektors); Andre´ Szymanski (Orest)

 

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 Langsam nur rollt der lavafarbene Vorhang, von Klang ferner Glöckchen und zersplitterndem Glas begleitet, zur Seite und gibt eine hell ausgeleuchtete Mauer aus Granit frei, auf der, wie auf einem Podest Körper (wie bei Sasha Waltz) choreografisch drapiert, endlose Sekunden bewegungslos zu Statuen erstarrt, eine hoch ästhetische Gruppe bilden. Über die schmalen Mauer beugt sich eine Gestalt hinunter zu den Glasscherben und Flaschen, die diesen tödlichen Wall umgeben - Schutz und Gefängnis zugleich. Hier gibt es kein Entrinnen und auch kein Eindringen. Dann, nachdem diese Frau, Hermione, wütend mehrere Flaschen an der Wand zerschlagen hat, richtet sie sich auf und stürzt sich auf den Mann, der in der Gruppe einer anderen Frau, Andromache, zugeordnet ist: Pyrrhus, der (bei Racine) einst Hektor, den Gatten Andromaches, des Priamos ältesten Sohn und Erben Trojas, im Kampf tötete. Schweiß rinnt; Hermione, Tochter der Helena und des Menelaos, die Pyrrhus für sich gewinnen möchte, unterliegt im erotischen Ringkampf. Ihr Rache ist vorhersehbar; dazu benutzt sie schlangenhaft verführerisch, Orest, der gekommen ist, um Hermione für sich zu gewinnen und die grausame Forderung der Griechen zu überbringen: Astyanax , Hektors Sohn als letzten Erben Trojas, zu töten.

Aber Pyrrhus liebt seine Gefangene Andromache. Unnachahmlich, einmalig: Jutta Lampe mit müder, geprägter Miene, eine schon lange Gestorbene, eine mater dolorosa, zerstört von dem Schicksal, das die Götter ihr zugedacht haben: das Los und Leid einer großen Liebenden, von den Göttern zur Tragödin bestimmt. Yvon Jansens Hermione ist ihr Widerpart in allem: jung, schön, von dämonischer Leidenschaft gepackt, eine Furie, gnadenlos ihren irrationalen Kräften ausgeliefert, eine, die niemals aufgibt. Sie holt nur eine kurze Pause lang Luft, greift erneut Pyrrhus an, der sie abzuwehren versucht und dessen Liebeswerben weiterhin nur an Andromache gerichtet ist. Es wird ein Kampf auf Leben und Tod - aber auf verschiedenen Ebenen.

Denn nicht nur die Granitmauer ist auf vielen Schichten errichtet, auch das Spiel, das um Krieg, Tod, Rache und Irrationalität kreist. Es sind fünf Darsteller in diesen wahrhaft beeindruckenden, ebenso seelenvollen wie vitalen Szenen (denn eine Aufführung im eigentlichen Sinn ist es wohl nicht, höchstens ein erster Akt, der neugierig auf weitere macht, dann aber nach einer Stunde Spielzeit die Zuschauer jäh entlässt). Diese Fünf sind die Verkörperung jener alten Götterordnung, aus der es kein Entrinnen gab. Große Dichter formten aus den klassischen griechischen Mythen des Homer (u.a. Euripides 480-406 v. Chr.) große tragische Frauengestalten in unsterblichen Dramen: Der Mensch, eingebunden in die unentrinnbare Vorbestimmung seines Schicksals, wird, von seinen Gefühlen getrieben, zwischen Mord und Rache, Tod, Hass und Liebe zerrieben. Bei Racine erhielt der das 17. Jahrhundert beherrschende Konflikt zwischen Vernunft und Leidenschaft seine dramatische Ausformung: Es ist der Mensch, der, nach dem Willen der Götter, seinen Trieben , seiner Liebe und Leidenschaft bis zur Selbstvernichtung ausgeliefert ist.

Pyrrhus, - vielleicht erster Bote einer neuen Zeit - möchte den tödlichen Kreislauf durchbrechen, er weiß allerdings noch nicht, dass dies nicht nur den Verzicht auf Rache bedeutet, sondern dass der Weg in eine neue Ordnung nur in der absoluten Aufgabe von Hass, Vergeltung und blinder Leidenschaft frei werden kann. Er, der Sohn des griechischen Helden Achill, besiegte einst Trojas Thronerben Hektor, Sohn des Priamos, im Kampf um Troja und nahm dessen Witwe Andromache als Gefangene und Geliebte mit in sein Königreich Epirus. Unsterblich oder eben doch: sterblich - in seine Sklavin verliebt, verkehrt sich seine Leidenschaft, als sie nicht erwidert wird, in Hass und Rache. - Und er folgt der Forderung der Griechen, den letzten Erben Trojas zu töten.

Bei Racine wird Pyrrhus dann auch gleich danach von Orest getötet, Hermione stürzt sich ebenfalls ins Schwert; nur Andromache muss weiterhin leiden bis auch sie der Tod von allen Qualen erlöst. In den Ilias steht es anders: da tötete Achill den Hektor, und dessen Sohn Neoptolemos nimmt Andromache als Sklavin und Geliebte mit sich, nachdem er ihren und Hektors Sohn Astyanax getötet hat. Er hat mit Andromache zusammen drei Söhne (unter ihnen Pergamon, den Gründer der später so berühmten Stadt). Hermione, seine standesgemäße Gattin, versucht, die Kinder von Andromache und Neoptolemos umzubringen, was aber durch das Eingreifen der Großväter misslingt. A.C.