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Antigone/Hyperion
von Sophokles / Hölderlin |
Patchwork für Schauspielschüler
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in einer
Bearbeitung von Jan Bosse und Andrea Koschwitz
mit: Anja
Schneider, Ronald Kukulies, Britta Hammelstein, Leon Ullrich, Max
Simonischek, Ruth Reinecke, Sebastian Rudolph |
Die dunkle Bühne ist über und über mit Hosen, Hemden und Jacken ausgelegt, als ob man in der Kleiderkammer des DRK aufgeräumt und die Deponie kurzerhand ins Gorki-Theater verlegt hat. Auch einige Besucherplätze sind mit schwarzen Umhängen und einzelnen Kleiderstücken drapiert. Was sie hier bedeuten, bleibt ein Rätsel; auf der Bühne begraben sie, zu Hügeln aufgetürmt, die gefallenen Soldaten des thebanischen Tyrannen Kreon unter sich. Einer von ihnen ist Polyneikes, der sich an die Seite des Feindes stellte und im Zweikampf gegen seinen Bruder Etheokles getötet wurde. Niemand im Reich darf den Geächteten bestatten, auch nicht seine Schwester Antigone. Ein Outlaw, ein Verräter, den Vögeln zum Verzehr hingeworfen. Wer sich Kreons Befehl widersetzt, wird mit dem Tode bestraft. Kreon schließt Antigone in den Kerker, die treu dem Gesetz der Götter und der Familienbande folgte, indem sie den Bruder mit Staub bestreute, um ihm seinen Platz im unterirdischen Reich der Götter zu sichern. Das ist die eine Geschichte. Vermischt mit ihr als schwer verdauliches Elixier, ist die Geschichte des Jünglings Hyperion, der bei dem romantisch-revolutionären Hölderlin das Reine, Gute, Wahre und Schöne im klassischen Griechenland sucht - im Reich der antiken Mythen und einer von ihm verklärten, letztendlich jedoch gnadenlosen Götterherrschaft. Hyperion, der Schwärmer, der Weltverbesserer, der Wanderer, der Träumer und Anti-Realist jedoch wird bei Jan Fosse, dem blendenden Minimalisten und gnadenlosen Nihilisten, in der Person des Polyneikes wieder auferstehen, und all dass sagen, was der Hölderlin-Unkundige bisher noch nicht wusste. Sebastian Rudolph ist ein von seinen Idealen betrogener, vom Krieg entsetzter und seelisch verletzter griechisch-deutscher Jüngling, der in der Liebe zur Natur, zur Schönheit der Landschaft sein wahres Leben findet. Und auch Antigone erhält sozusagen eine zweite Identität, indem gedankliche Versatzstücke aus der Zeit eines Werther, eines Don Carlos, eines Hyperion, in ihr klassisches Lebensdrama eingebettet werden. So wandeln hier die antiken Gestalten zwischen den Welten und verkörpern letztendlich den Idealismus aller Zeiten, den stets eine hehre Utopie begleitet: für die Liebe, das Reine, Göttliche, Gute und Wahre zu kämpfen - bis in den Tod. Antigone und Polyneikes sind einander in ihren Empfindungen wesensgleich. Antigone geht für ihre Tat in den Tod, ihr Verlobter Haemon, Kreons zweiter, vom Krieg versehrter Sohn wird ihr folgen und damit die Mutter in den den Selbstmord treiben. Kreon wird wie ein Wahnsinniger um das Recht des Herrschers, um die Gültigkeit der Gesetze seiner irdischen Macht kämpfen; er wird mit Antigones Schwester Ismene zurückbleiben und dem Untergang seiner Stadt erleben müssen. Die Götter werden seine Taten nach ihrem Gesetz ahnden. Für die
Schauspieler, die zwischen der Altkleidersammlung und an einem in der
Mitte des Raumes placierten Rednerpodest - dann und wann mit
Mikroverstärkung - ihre statements verkünden, ist diese Inszenierung
eine strapaziöse Aufgabe. Denn nicht nur die befremdliche Sophokles-Übersetzung
Hölderlins verzichtet auf rasch erfassbare Aussagen, auch den poetisch
überhöhten Hyperion-Text versteht man nur schwer - teils, weil alle
Darsteller, wie immer zu schnell sprechen, aber diesmal auch zu
undeutlich artikulieren - als ob sie alles zwar intensiv, aber rasch
hinter sich bringen wollen: Dabei gewinnt noch Ronald Kukulies' moderner
Kreon immerhin zum Schluss noch an Format, wenn er sich kraftvoll
schauspielerisch ins Zeug legt und diesen um Söhne, Frau und Nichten und
demnächst auch um seine Herrschaft gebrachten Mann so erbärmlich, so
erbarmungswürdig über die Bühne stolpern läßt; Ein der Macht entblößter
Herrscher ist am Ende seiner Begriffswelt! Und aus den textilen
Grabhügeln erheben sich die bloßen Leiber der Gefallenen, formieren sich
zum klassischen Chor leise klagend im Hintergrund. Es gibt unverstandene Satzpassagen und langatmige Szenen, aber das Experiment ist nicht ohne Reiz und macht durchaus betroffen, wenn man sich auf den pausenlosen, ambitionierten intellektuellen Weg einlässt. Alles in allem aber ist es wohl doch eher eine Patchwork-Inszenierung für Schauspielschüler und Deutschlehrer. A.C.
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