Arpheus

von
Oleg Zhukovsky

  

  

 Zum Schluss knipst er das Licht aus

 

   

Eine Performance 
mit Oleg Zhukovsky

Orphtheater

Berlin-Mitte

Gastspiele und Eigenproduktionen

"Vor dem Vatermord (März)", "Frauen Krieg Lustspiel"(April); "Zur Blindheit überredete Augen" (April)

Oleg Zhukovsky ist ein durchtrainierter Tänzer mit knabenhafter Figürlichkeit. Er ist Musiker, Schauspieler, Pantomime - in seinem Gastspiel tritt er auf als ein Performce-Künstler ganz eigener Art; Der Mann, der aus der sibirischen Kälte kommt, sich selbst als "Strandgut" bezeichnet ( wer ist das nicht in dieser Welt, in die wir alle ungewollt und irgendwo abgeworfen werden?), der am St. Petersburger "Formalny Teatr", am "Derevo", und heute im Theater "La Pushkin" spielt, entwickelt musikalisch und pantomimisch eine Art Menschwerdung. Lyrische, poetische Texte dienen als Vorlage für eine im Wechsel leise und energisch-harte Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit und einer geträumten Scheinwelt.

 

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  Es ist nicht leicht, beides zusammenzubringen. Hier hat sich der junge Russe dem Poeten und Musiker Orpheus aus der archaisch-mythischen griechischen Helden- und Götterwelt angenähert. Orpheus, der den Tod seiner geliebten Eurydike nicht verschmerzen kann, erhält die Erlaubnis, in die Unterwelt, in den Hades hinabzusteigen, um sie zurückzuholen. Unter einer Bedingung: er darf sie nicht ansehen. Doch der Held versagt: Obwohl ein Liebling der Götter und damit als ihr Schützling ausgezeichnet, kann er als liebender, fühlender Mensch die Geliebte nicht vom Tod erlösen. Fortan lebt er in seiner eigenen Welt der Poesie, der Trauer, aber auch der Hoffnung. Oleg Zhukovsky  möchte nicht Orpheus sein, er möchte lediglich "in seine Seele eindringen", das "wahrhaftige, einzigartige Mythos", das uns seit allen Zeiten so ungemein in all seinen Facetten berührt, erfassen...So windet sich sein Körper aus dieser Welt heraus in eine neue, dreht und windet sich, schält sich gleichsam aus der Hülle,  dreht sich um die eigene Achse und findet zu einer unbekannten Melodie eine neue Identität. Auf dem nackten Boden tanzt nun Oleg-Arpheus seinen mythischen Tanz vor weißen Segeltüchern, auf denen blaue Bilder mit imaginären Zeichen erscheinen. Er selbst bewegt sich in einer Symbiose zwischen Mensch und Natur, die Verwandlung führt von einer inneren Bewegung in eine äußere neue Form. Das ist erfahrbar.    Und weiter folgt dieser schmale Mensch mit dem flatternden dünnen Tuch, das sich um seine Hüften kräuselt, dem Pfad der Entwicklung  eines neugeborenen Kindes. Zunächst fröhlich, harmlos, tanzend, suchend, stampfend entdeckt es die kleine Welt um sich herum, entlockt einer kleinen Ziehharmonika die ersten Melodien, wirft sie achtlos beiseite, bestätigt sein Erwachen durch heftige rhythmische Trommelschläge, entdeckt Arme, Beine, seinen Körper. Ein leiser Ruf erklingt: Mama - Abschied von der Kindheit.
Schwere, schmutzig-graue Stiefel werden über die Füße gestülpt, Arpheus bindet das  Tuch fester und verfolgt entsetzt das grauenvolle Getöse, das nun nicht mehr länger von Zeus, sondern von den Menschen stammt: Die jungen Männer ziehen in den Krieg. Auf der Leinwand erscheint, von schrecklich schmerzlichem Dröhnen begleitet, das Skelett eines zerstörten Hauses. Kugeln anstelle von Schneebällen, Ernst statt Spiel, Tod und doch wieder Leben.
Und wieder ein neue Vision: Arpheus-Oleg sieht mit großen, weiß umrandeten Clownssaugen, zugleich traurig und verwundert, in die Weite, spielt auf einer kleinen Harmonika, aber es ist nicht mehr sein Spiel, es ist das Spiel eines Mädchens, Ajoschka. Er wird sie verlieren und sich ihrer erinnern, alt geworden... Arpheus tanzt, steppt wie wild in seinen schweren Stiefeln auf einer eisernen Platte, irrt atemlos durch die Welten... Einem der Lyra ähnlich klingenden Instrument entlockt er, zur Ruhe gekommen, melodisch-sehnsuchtsvolle Töne, die den unerreichbaren Wolken in die Heimat folgen.

Zum Schluss verneigt sich der Sänger vor uns oder vor der Muse, die ihn führt, und lässt eine letzte Glühbirne zu leisen Tönen in rhythmischen Intervallen zuckend verlöschen. A.C.