Betrunken genug um zusagen ich liebe dich?

 von
Caryl Churchill

 

 

Zwei Schwule vernichten die Welt als Onkel Sam und Tony Blair

 

 

Schaubühne 

deutschsprachige Erstaufführung; aus dem Englischen von Maja Zade

Regie: Benedict Andrews
Bühne und Kostüme: Magda Willi
Musik: Malte Beckenbach

Dramaturgie: Maja Zade
Licht: Kathrin Kausche

mit
Sam - ein Land: Rafael Stachowiak
Pauk, ein Mann: Ulrich Hoppe

 

 
Die unvoreingenommene Wahrnehmung:

Zwei halbnackte Männer liegen im Bett eines schlichten Hotelzimmers, in dem ein Fernsehbild sich ständige wiederholende Bergpanoramen zeigt, die offene Schranktür zwei Anzüge und Schuhe sehen läßt, und der eine Mann zu dem anderen den Satz sagt, der auch Titel des Stückes ist. Dann entspinnt sich ein seltsames Szenario; der eine Mann, Sam, hat furchtbare, grausame Allmachtsphantasien, in die der andere lebhaft mit einstimmt; beide wollen sich die Welt untertan machen, und dazu sind ihnen alle Mittel und Möglichkeiten recht: Kriege samt all ihrer Gräuel, der Einsatz und die Manipulation von Geheimdiensten, scheinhumanistische Maßnahmen, Verschwörung, Infiltration, Lüge, Verrat, Folter, Terror, Denunziation, demokratisch getarnte Manipulationen, gezielte Fehlinformationen. Alles wird nur in halben Sätzen fragmentarisch angedeutet - aber man weiß, wie sich die vollständigen Sätze anhören würden! Dann und wann bricht Paul aus den gemeinsamen psychotischen Phantasien oder sind es Realitäten? aus; Gewissensbisse, Besinnung auf Ethik und Moral, auf die Konsequenzen ihrer Vernichtungsstrategien sowie der dadurch  unwiderruflich vorprogrammierte Untergang der Zivilisation bedrücken ihn; doch Paul ruft und bringt ihn zur Räson, teils zärtlich, teils recht drastisch mit Gewalt und Drogen, die er dem Freund einspritzt; Paul beruhigt sich und spinnt ihre apokalyptischen Wahnvorstellungen weiter bis er am Ende psychisch zusammenbricht; er kündigt Sam zwar nicht die Gefolgschaft, aber die Liebe. Nun sitzen beide nebeneinander, verzerren ihre Münder zu einem breiten, grässlichen Grinsen, und der Raum hinter der gläsernen Wand, in dem sich diese Farce abspielt, fällt zurück ins Dunkel. Nun spiegelt sich wieder das Publikum in der Frontscheibe- als ein Teil dieses düsteren Szenarios.

Die Erklärung:

Die englische Autorin Caryl Churchill ist keine Freundin der globalen Politik und einer schwierigen Demokratie - schon gar nicht der amerikanischen. Somit ist ihre Aussage in diesem Stück glasklar und eindeutig fokussiert auf Amerika und England, auf den US-Präsidenten Bush und den britischen Premierminister Blair. Sam vertritt das nimmersatte imperialistische Land, dem jedes Mittel zur Weltherrschaft recht ist, und das es infam gegen seine Feinde einsetzt; Paul, der seine Frau und die Kinder verließ, somit sein Land, England, verriet, berauscht sich an der Teilhabe dieser Macht. Die beiden Darsteller dieser bitterbösen politischen Abrechnung sind weich, eigentlich Weicheier, und solche Männer beherrschen die Welt? Ihr Blutrausch, ihre Machtsgelüste, ihre Selbsterhöhung und ihre unersättliche Gier mutet an wie ein peinliches Spiel pubertärer Jungen an, die zuviel Kampfspiele im Fernsehen gesehen haben, und für die nun alle vorstellbaren Grausamkeiten, die Menschen einander zufügen, nichts als Worte und Vorstellungen sind. Das Endspiel um die total verwüstete Welt bleibt noch draußen vor der Tür. Da fasziniert einen schon der blöde Gag als Sam sich hysterisch gegen den Zigarettenrauch von Paul auflehnt, weil er um seine Gesundheit fürchtet. Also doch Klimaschutz? Oder was? Und das Ganze eingebettet in das Spiel von zwei Schwulen.

Und die Moral?

Man muss schon total betrunken und aller Sinne und geistigen Kompetenz beraubt sein, um sich mit den USA zu verbünden ( oder sich mit diesem Stück anzufreunden!) A.C.