Brennendes Pferd

nach dem
Tagebuch von Waslaw Nijinsky
 



Die Ängste eines Genies

 

 

Theater Thikwa

Konzept und Regie: Elfi Mikesch, Choreographie: Helene Wawer, Regieassistenz: Bente Schmidt, Bühne: Isolde Wittke, Kostüme: Gerlinde Altenmüller;

mit: Dominik Bender, Sabrina Braemer, Heidi Bruck, Wolfgang Fliege, Cornelia Glowniewski, Karol Golebiowski, Torsten Holzapfel, Alexander Lange, Almut Lücke-Mündörfer, Peter Pankow, Tim Petersen, Patricia Schulz

 
  Seine erste Premiere feierte das "Integrationstheater" 1990 mit einer Inszenierung von "Kaspar Hauser" in der Studiobühne des Maxim Gorki Theaters. Während der nächsten fünf Jahre etablierte sich diese Theatergruppe, bestehend aus geistig und körperlich Behinderten und ausgebildeten Schauspielern, Musikern und Tänzern mit weiteren Produktionen, die in verschiedenen freien Theatern der Stadt mit beachtlichem Erfolg aufgeführt wurden.1995 wurde das Theater Thikwa (Hoffnung) mit Unterstützung der Nordberliner Werkgemeinschaft und des Bundesministeriums für Gesundheit gegründet und galt nun offiziell als Einrichtung für Behinderte, die eine Ausbildung in den darstellenden und bildenden Künsten anstrebten.

Seit einigen Jahren hat es seine feste Spielstätte gemeinsam mit dem English Theatre Berlin in Kreuzberg in der Fidicinstraße in einem der großräumigen Hinterhöfe. Doch die Räume sind absolut professionell  und behindertengerecht ausgestattet. Mit berechtigtem Stolz weisen die Mitarbeiter auf diese Errungenschaft hin, die es den behinderten Frauen und Männern ermöglicht, den Ausgleich zu ihren Defiziten auf beachtlichem künstlerischen Niveau zu fördern und zu präsentieren. Mögen die Angehörigen bei den vielen Aufführungen erfreut sein über die Fortschritte, über die Disziplin, über die Fähigkeit der Darsteller, sich zu integrieren und miteinander zu kooperieren, so ist der Außenstehende vor allem von der Spielfreude, dem hoch konzentrierten Einsatz und der absoluten Hingabe beeindruckt, in der ihre unterschiedlichen Begabungen und damit auch ihre Identität zum Ausdruck kommen.

Die Themen der Inszenierungen sind sorgfältig ausgesucht, beinhalten immer auch musikalische Begleitung und tänzerische Bewegungsabläufe, aber auch unterschiedlich anspruchsvolle Deklamationen und Texteinsätze, die sprechtechnisch natürlich nicht immer leicht zu erringen sind. Die Professionellen leiten und lenken ihre Mitspieler an feinen Fäden, wie Dominik Bender, der in diesem Spiel als Erzähler durch die Zeiten führt und den Puppenspieler vorstellt, der für den Tanz des berühmten russischen Startänzers seinen Stab auf zwei Puppen reduziert hat: Petruschka und die Ballerina. Es sind nur noch Nijinsky selbst, der in geistiger Verwirrung sich selber wie einst auf der Bühne als Petruschka, den "Clown Gottes", darstellt sowie die Ballerina (Helene Wawer), die ihn in der Gegenwart als seine verzweifelt um seine Rückkehr in die Wirklichkeit kämpfende Frau zu erreichen versucht. (Musik Strawinsky, Libretto Alexandre Benois, Choreographie Michael Fokine)

 Die Tagebuchaufzeichnungen des 30jährigen Nijinsky aus dem Jahr 1911 berühren schmerzvoll. Sie werden von verschiedenen Darstellern in Erinnerung gebracht, die einen Teil der gespaltenen Persönlichkeit des Kranken annehmen und seine schrecklichen Kindheitserinnerungen, seine Visionen und Albträume aufzeigen - von Synthesizer, Schlagzeug, Posaune und Trompete und Tanz begleitet. Die Träume werden in einzelne Szenen unterteilt, in den ein wirr und abwesend erscheinender Schauspieler wortlos und einsam in einem ausweglosen Netz des Wahns gefangen durch den halbrunden Raum irrt und immer wieder gegen eine Wand läuft, umgeben von seinen Mitinsassen, die ihm Wort und Satzfetzen zuraunen, ihn tanzend umwerben und mit Zuneigung umweben. Doch er nimmt das alles schon lange nicht mehr wahr. Dann wieder zeigen seine Tagebuchaufzeichnungen die wachen, schmerzhaft wirklich empfundenen Phasen des übersensiblen Künstlers, der leben will, aber zu einem geistigen Tod im Leben verurteilt ist. Nijinsky starb 1950 .

Die Regisseurin Elfi Mikesch hat eindrucksvolle Phasen aus dem Tagebuch Nijinskys herausgefiltert und sie auf der Bühne in 16 Abfolgen immer in einen Kontext sowohl zu der fiktiven als auch der realen Umwelt des Tänzers gestellt und zugleich eine poetische Analyse über das Wesen des Tanzes geschrieben und in entsprechend anmutige Bewegungsabläufe eingebunden. Oft erinnern die intensiven Szenen an den großen Filmregisseur Frederico Fellini, der seine eindrucksvollsten Passagen in den gesellschaftskritischen Erzählungen gern von den Außenseitern, den Ausgestoßenen, Geächteten und Armen in abstrakt anmutenden geisterhaft-ästhetisch schönen Bildern darstellen ließ! Und immer wieder stellt sich dem Schauspieler und dem Zuschauer die Frage: Was und wer ist wie verrückt, was bedeutet "normal", und was geschieht, wenn sich ein biologischer oder psychischer Riss unser Leben durchschneidet und mit einer neuen Herausforderung an uns herantritt: die Ängste zu überwinden und hoffnungsvoll durch die gläsernen Wände zu schreiten. A.C.