Der Zauberberg - eine Visite

nach
Thomas Mann

 

 

Die Kunst der Ruhe

 

 

Maxim Gorki Theater

Theaterfassung von Stefan Bachmann und Carmen Wolfram

Regie: Stefan Bachmann

mit: Marek Harloff, Ruth Reinecke, Anja Schneider, Miguel Abrantes Ostrowski, Ronald Kukulies, Gunnar Teuber

 
Schneestille, gletscherfarbene Luft, sechs Patienten ruhen unter sanfter Berieselung auf einer Freiterrasse, unbeweglich, stumm, in einer abgeschiedenen Welt und drehen sich sowohl auf ihren Pritschen als auch in ihren Gesprächsansätzen um sich selbst. Zehn Minuten sind eine Ewigkeit, wenn man auf etwas wartet, auf den Anfang beispielsweise dieser sich über anderthalb Stunden in absoluter Gelassenheit dahin ziehenden, wiederkehrenden Bemühung, einen 1000 Seiten umfassenden Roman bühnenwirksam darzustellen.

Der Gorki-Texter Philip Löhle hat sich zur Vorbereitung dieses schwierigen Unterfangens sogar für einige Tage in ein alt-ehrwürdiges Braunlager Sanatorium einquartiert, um zu recherchieren, wer unter welchen Bedingungen heutzutage eine Stätte der Rekonvaleszenz aufsucht. Und obschon sich die westdeutschen Sanatorien seit der Wende wirtschaftlich am Rande ihrer einst gut florierenden Kurkultur befinden, gibt es noch Stätten im alten Harz, die sich ihre Attraktivität und ihr Eigenleben bewahrt haben. Was Löhle also in Braunlage vorfand, war der Schweizer Lungenheilstätte Davos, die Thomas Mann kunstvoll beschreibt, nicht einmal so unähnlich; zwar hat die Art des Klientels nach hundert Jahren gewechselt, und anstatt permanenter Bettruhe sind durch medizinischen Fortschritt und durch Verfügungen der zahlenden Krankenkassen allerlei zweckdienliche Aktivitäten angeordnet. Aber das oberste Gebot ist immer noch die Stille, die das Haus innen ausfüllt und die Ausgewogenheit, mit der die besänftigende Natur es umschließt. Doch in den Räumen hinter den Fluren und Türen wird getanzt, massiert, Yoga und Gymnastik betrieben, versucht man hier mit Kunst und Therapien die Traumata, Depressionen und psychosomatischen Beschwerden der Patienten zu heilen.

Das wäre vielleicht auch das Thema, wäre die dramaturgische Vorlage für einen Theaterabend gewesen, der sich nicht notwendigerweise in Langeweile und Handlungsfugen erschöpft, sondern die Schicksale heutiger gestresster und gestörter Menschen sowie die verschiedenen Therapieansätze mit Humor und analytischer Anteilnahme aufarbeitet. Doch am Gorki Theater werden zunehmend große Romanvorlagen bearbeitet und inszeniert, die kaum über den Tag hinausreichen. Als nächstes steht der "Stiller" von Max Frisch auf dem Programm. 

Um jedenfalls einen positiven Aspekt dieser Bemühungen hervorzuheben: So mancher der Besucher, der niemals freiwillig zu der literarischen Vorlage gegriffen hätte, wird vielleicht angeregt, sich selbst durch die dichte und unerschöpfliche Sprachvielfalt Thomas Manns, durch seine philosophischen, psychologischen, medizinischen, künstlerischen und politischen Reflektionen und schillernden Charaktere des an Bildern und Bildungsangeboten reichen Romans zu kämpfen, um zu erfahren, warum ein junger frischer Mensch sich zu einem Besuch seines Cousins in Davos entschließt und dann dort anstelle von drei Wochen sieben Jahre in demselben Sanatorium verweilt. Und er wird verstehen, warum diese um sich rotierenden Gesundbeter und Kranken, diese lang andauernde Kälte, die kurzen Sommer und die farbenreiche Palette der intellektuellen Diskussionen, mit denen die Patienten Hans Castorp und sich selbst zeitweilig auch auf die Nerven gehen, zu seinem Reifeprozess beitragen.

Äußerer Anlass für dieses Werk war übrigens ein Sanatoriumsaufenthalt seiner Frau Katia in Davos im Jahre 1912. Thomas Mann studierte sein Sujet am lebenden Objekt, besser an faszinierenden Subjekten, an Menschen und Möglichkeiten, die ihm seine Frau nicht nur brieflich ausmalend schilderte; er besuchte das Sanatorium nämlich auch selbst - für drei Wochen. Wie zunächst sein junger Romanheld, der jedoch dann für eine lange Zeit bleibt und bis zum Ausbruch des 1. Weltkrieges und der Schließung des Heims verschiedene Entwicklungsprozesse durchlebt und Erkenntnisse über Politik, Philosophie, Krankheit und Tod, Liebe und Verlust mit Leidenschaft und analytischem Verstand sammelt.

Auf der Bühne bleiben die Umstellung der Liegen, das Einschlagen der Patienten in ihre Wolldecken, die ständige Fieberkontrolle, die Monologe um Krankheit, Körpersäfte und anatomische Vorgänge bestimmend;. Zwar fallen hier und dort einige philosophische Sätze über die "Zeit als ausdehnungslose Gegenwart", die man durch Albert Einstein bereits kannte, und auch einige Aphorismen über Leben und Tod haben Eingang in diese Inszenierung gefunden; doch bleiben die Liegenden - als Romanfiguren nicht identifizierbar - weitgehend mit sich selbst beschäftigt, monologisieren banal über Körpersäfte, anatomische Beschaffenheit, vor allem aber über ihre Befindlichkeiten. Marek Hoffmann spielt diesen Hans Castorp übrigens mit greller jungenhafter Stimme, voller Naivität, Neugier und jener Unbedarftheit des gutbürgerlichen Sohnes, der jäh in eine fremde Welt hinein versetzt wird.
Nachdem Castorps Cousin gestorben ist, bleibt er, mittlerweile ernsthaft infiziert, im Sanatorium, nimmt dessen Liegeplatz ein. Er schleckt vorsichtig am Schokoladenbrunnen, feiert Fasching, stehend angeschmiegt, küsst das kranke Mädchen und legt sich wieder danieder. Stets begleitet von rieselndem Schnee und dem romantischen Schubert-Lied "Der Lindenbaum". Im Mann'schen Zauberberg entdeckt Castorp den Zauber der Musik Jahre später, als er sich zu langweilen beginnt und ein altes Grammophon auftreibt, auf dem er nun seine Lieblingsmusik in aller Stille hören kann. Im Deutschen Theater las vor längerer Zeit Dieter Mann dieses Kapitel mit seiner wohlartikulierenden Stimme vor und malte ein Bildnis aus jener Zeit. Die sollte aber gar nicht verherrlicht werden. Im Gegenteil: Thomas Mann läßt seinen Protagonisten sehr wohl streiten um all jene Werte, Vorstellungen, Vorurteile, die seine Zeit und das berühmte Bildungsbürgertum prägten. Nach seinem verunglückten Ausflug in die verschneiten Berge kehrt er nämlich um einige Lebenserfahrung - und um philosophische Erkenntnisse reicher ins Sanatorium zurück. Im Gorki Theater dagegen umgeben ihn in seinen Halluzinationen eine schöne, aber gefährliche Schneekönigin und seine mittelmäßigen Mitbewohner in seltsamen Hochzeitsgewändern.   

Es ließen sich so tausendundein Punkte aufzählen, die den Roman auszeichnen, kennzeichnen, ihn der Zeitgebundenheit entheben, die faszinierende Persönlichkeiten, erschütternde Schicksale und   intelligente Überlegungen anbieten. Leider wird in dieser Inszenierung in keiner Phase deutlich, warum und wozu diese Bearbeitung erfolgt ist. Vielleicht, um sich mit dem Faktor "Zeit",  auseinanderzusetzen; denn die Uhr über dem Bühnenrund zeigt unerbittlich die sich dahin schleichenden Minuten an. Thomas Mann wollte dagegen seinen Mitmenschen auf humorvolle und geistreiche Weise die Sinne öffnen, das Zusammenspiel zwischen Geist und Körper und der Seele erforschen. Es war immerhin die Epoche der großen Analytiker Freud, Adler, Jung. Die Gemeinschaft im Sanatorium endet mit dem Ausbruch des 1. Weltkrieges. Menschen und Werte haben sich verändert. Hans Castorp wird Soldat. Sein Schicksal bleibt ungewiss.

Die Gorki-Bearbeitung bietet keinen Handlungs- und Spannungsbogen, sondern gleicht eher einem Hörspiel , wobei die Intonation der Schauspieler der Sprachfeinheit des Schriftstellers leider nicht entspricht!
Aber vielleicht muss man zunächst den ganzen "Zauberberg" lesen und sich dabei in Geduld üben - wie in einem Sanatorium und in dieser Aufführung! A.C.