Die Eine und die Andere 

von
Botho Strauß

 

  

 Das Duell der alten Damen

 

   

Berliner Ensemble 

Regie: Luc Bondy
Bühne: Karl-Ernst Hermann
Kostüme: Rudy Sabounghi
Musik
Martin Schütz
Dramaturgie: Dieter Sturm

mit: Edith Clever, Jutta Lampe, Dörte Lyssewski, Sebastian Rudolph, Rainer Philippi, Ronny Romiska, Sonja Grüntzig, Oliver Urbanski, Gerold Ströher, Axel Werner, Gerd Kunath, Mareile Blendl, Nora Griese 

 

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 Es war einmal eine bedeutende Theaterbühne. Dort regierte ein Prinzipal, der sehr klug und geschäftstüchtig war, über ein Volk intelligenter Schauspieler. Sie waren alle gleich, aber eigentlich doch nicht; Sie spielten sich mit alten und neuen Stücken die Seele aus dem Leib und waren nicht mehr fort zu denkender Bestandteil des Berliner Theaterlebens. Aber eines Tages brach der Bund zwischen den Partnern, und jeder ging seiner Wege. Aus verschiedenen Gründen. Aber die Zeit, die sie mit hoch artifiziellen (und auch politisch ambitionierten) Inszenierungen füllten, und damit ein umfassendes Theaterbewusstsein prägten, ist nicht vergessen.

Nun sind die Großen von damals alt geworden und haben sich auf andere Bühnen im ganzen Land verstreut.  Manchmal kehren sie zurück in ihre alte Stadt, die sie so schmählich ziehen ließ. Und dann sind die Theatersäle wieder voll, und die Intendanten freuen sich über "hohe Auslastungszahlen" ( denn das ist ihr Kriterium für Qualität!). Aber es ist nicht ihr Verdienst.

Zu den Schauspielerinnen der Stein'schen Ära gehörten auch Edith Clever und Jutta Lampe – als Tragödinnen und Liebhaberinnen in vielen Klassikern und in beinahe allen Stücken des damaligen Avantgardisten und Intellektuellen Botho Strauss gefeiert. Nun sind sie mit einem Strauss-Stück an dem Berliner Ensemble zu Gast. Unter der - ebenfalls altbewährten - Regie von Luc Bondy ist eine lebendige, vergnüglich-besinnliche Aufführung von "Die Eine und die Andere" wie Phönix aus der Asche emporgestiegen. Und die beiden großen Damen des Theaterfachs zeigen so ganz en passant mal eben, wie denn Theater aussehen und was es vor allem vermitteln kann. Nämlich eine - scheinbar leichte -Mixtur aus Betroffenheit und nüchterner Wiedererkennung unserer Lebensumstände, aus gesellschaftlicher Analyse und seelischen Verletzungen, aus verhärteten Denkmodellen  und verklärtem Vergangenheitsblick.

Wenn Edith Clever als alternde, arrogant-verhärmte Gutsfrau Insa Breydenbach auf ihrem verwaisten landwirtschaftlichen Besitz irgendwo im Osten Deutschlands residiert und kein Pensionsgast mehr kommt (bis auf einen, an den sie ihre letzte Liebeshoffnung hängt), und wenn diese Frau sich als Mutter dermaßen ungeeignet, despotisch, herrschsüchtig gibt und alle Liebe und Sehnsucht hinter bitterer, außerordentlich geistreicher Bösartigkeit versteckt, dann hält man jede Minute, die sie da oben agiert, den Atem an. Und die Clever kann eines ausgezeichnet: ihr Publikum spüren lassen, dass sie mit ihm spielt, es manipuliert, sich seiner bedient, wie oben auf der Bühne, im Drama, und vor allem der Gefühle ihrer Tochter Elaine. Sie bleibt ambivalent, zwischen Traum und Wirklichkeit hoffnungslos gefangen, eine Frau, die mit letzter Koketterie die strähnigen weißen Haare zurückstreicht, sich wie ein junges Mädchen aufführt und doch niemals mehr in der Lage sein wird, die Realität zu begreifen. Dabei kann sie, klug und klarsichtig, durchaus die Minderwertigkeiten der anderen wortgewandt und treffsicher aufspießen.

Als ihre Lieblingsfeindin, Lissie Kelch, die ihr einst den Mann und alle Hoffnung auf ein geliebtes Lieben nahm ( später noch einen zweiten Mann), jäh in ihrer heruntergewirtschafteten Pension erscheint, spielt sich ein wunderbares Zickenduell ab. Jutta Lampe als Lissie, immer noch attraktiv, schwarz gekleidet, lässig, sinnlich, pariert die Florettstiche Insas mit bewundernswerter Gelassenheit, sticht nur dann und wann würdevoll zurück, die meisten Bösartigkeiten aber eher freundlich-resigniert und als bedeutungslos für ihr abgelebtes Leben hinnehmend. Während die Eine geifert und schäumt, höhnt und hadert, möchte die Andere, des treulosen Ehemannes überdrüssig, blauäugig-naiv Ruhe und Trost bei der alten Feindin finden, nachdem man ihr nun auch den Job als Architekturkritikerin genommen hat....Ebenso gut hätte sie beim Teufel persönlich anklopfen können, um ins Himmelreich eingelassen zu werden. Aber wie sie dann noch einmal zu ihrer alten Form aufsteigt, noch einmal die lebens- und liebesuntüchtige Insa im strahlendem Triumph ihrer Verführungskunst in ihre Schranken verweist, da hält man wieder den Atem an, obwohl man doch alles hat kommen sehen... Und Insa reagiert auf die erneuten Schicksalsschläge, wie man es bei ihrem ungezügelten Temperament erwartet hat: Wie eine Furie! Alle großen Frauengestalten des Theaters züngeln in diesem Flammenauswurf der Gefühle. Kassandra und Klytämnestra, Elektra und Medea - sie alle flackern zischend empor und verbrennen in der Glut der Rache. Aber gleichermaßen in der Erkenntnis des niemals endenden Leids, der Ungerechtigkeiten dieser Welt, der Flüchtigkeit aller Illusionen.

Die Gefahr, die mit solch großartigen Protagonistinnen über dieser Inszenierung schwebt, nämlich, dass die zweite Geschichte in dem vielschichtigen Stück von Strauß nicht zutage kommt, wird dank der leisen, subtilen und doch sich sehr nuanciert behauptenden Dörte Lyssewski als bleiche und ständig blutverschmierte Elaine gebannt. Sie kompensiert die Qualen, die sie als spätes Mädchen unter der Fuchtel ihrer hysterischen Mutter erträgt, mit einer qualvollen masochistischen Manie: indem sie sich schreckliche körperliche Verletzungen zufügen lässt oder selbst zufügt. Nur so fühlt sie sich lebendig, während sie daheim strickend vor sich hindämmert. 
Und damit beginnt eigentlich das Drama:
Im Ausverkauf trifft sie einen jungen Mann, den sie zu kennen glaubt und der ihr zur Seite steht, als ein Verrückter sie jäh angreift und ihr Gesicht in den Besteckkasten drückt. Gelassen erträgt sie die vielleicht sogar erwartete Attacke. Sie kenne den Mann, der werde immer tätlich, wenn man ihm zunahe komme, sagt die blutende junge Frau mit beinahe stoischem Gleichmut. Es folgen noch einige Schocker, die man zu verkraften hat, und mit denen Botho Strauss sich in absurden Darstellungen in der Auseinandersetzung von Nähe und Distanz, dem Missbrauch menschlicher Gefühle und nervtötenden Banalitäten ergeht. Wir haben seinen weitgespannten Missmut begriffen: Nichts ist so flach, wie es scheint, aber vieles hat auch nur wenig Tiefgang, auch wenn wir ihn gern in die Dinge hineininterpretieren möchten. Da gibt es Menschen, deren Namen ihnen ihre Identität verleiht: Das leichte Mädchen, das Schwamm heißt und alle Männer in sich aufsaugt, der Mann, der sich Nagel nennt, und vielleicht der Nagel zu unserem Grab ist, die Andere, die Kelch heißt und alles verschlingt... Gedanken- und Sprachspiele mit existenziellen Verrenkungen sind die Leidenschaft dieses Autors, der sich gern auf die Reise zu neuen Arealen begibt, um sich in sie hineinzugraben.
Der Mensch, was ist er mehr als ein Störfaktor, als ein öffentliches Ärgernis, wenn er das stereotype Dahingleiten des Fließbandes unterbricht, wenn er von eingetretenen Pfaden abweicht, wenn er das Normale verrückt? Alle Visionen entpuppen sich als Erinnerungen - alle Vorausschau ist letztlich immer nur ein Rückblick - im Museum der vergangenen Zukunft flüchtet Insa wieder aus der Realität zu ihren Träumen, während Lissie erkennt, das alles, was sich noch ereignen wird, bereits hinter ihr liegt. Ähnlich geht es Lissies Sohn Timm (Sebastian Rudolph), der sich in seine Halbschwester verliebt hat, ihr aber nicht näher kommen mag, weil er fühlt, dass sich etwas abspielt, das er nicht begreifen kann. Sie sind einander so ähnlich sind in ihrem Begehren nach Schmerz und Liebe. Aber beide haben ihre eigenen Wahrnehmungen, denken und sehen aneinander vorbei, leben in Traumwelten, die irgendwann die Oberhand über die Wirklichkeit und damit über ihre Bewegungsfreiheit gewonnen haben.
 
Ein Seitenblick auf beider Vater, der sich allerdings als verkrachte Existenz irgendwo auf den Straßen herumtreibt, ist ein letzter, allerdings nicht recht geglückter dramatischer Versuch, dieses Berührungsgeflecht zu vervollständigen: durch diese verlorene Figur, die zwei Frauen und zwei Kinder unglücklich gemacht hat (und vielleicht noch mehr). In imaginärer Form wäre er lebendiger erschienen. So muss sich Gerd Kunnath als Henrik noch zum Schluss vor einem Cola-Automaten und einem lang aufgeschossenen Motorradmädchen Mühe geben, sich über seinen plötzlich auftauchenden Sohn zu freuen.

Die Eine und die Andere ist ein Spiel um Lebensängste und Realitätsverlust. Und es führt in Dimensionen, die auch ein Luc Bondy noch nicht restlos ausgeschöpft hat. Dass die Heiterkeit hier auf Kosten des absurden Psychodramas sogar die Oberhand gewinnt, wird Absicht sein. Und gibt neuen Interpretationen Raum.  

A.C.