Die Gottlosen von
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Eine Familiensaga in drei Teilen: 1. Die Geisel, 2. Das harte Brot 3. Der Erniedrigte Regie: Stefan Bachmann, Bühne: Michael Simon, Kostüme: Annabelle Witt; Musik: Felix Huber, Dramaturgie: Andrea Koschwitz mit: Ulrich Anschütz, Melanie Kretschmann, Ruth Reinecke, Sebastian Blomberg, Florian Stetter, Andreas Leupold, Peter Kurth, Anja Schneider |
Teil 1: Die Geisel Aus einem historisch-religiösen Epos
(aus der Zeit zwischen der französischen Revolution und dem
deutsch-französischen Krieg) eine dramaturgisch spannend zusammengestellte und abendfüllende
Inszenierung zu zaubern, ist - seitdem sich die Volksbühne in endlos
langen Aufführungen ergeht - keine Seltenheit mehr. Am Maxim Gorki
Theater hat Stefan Bachmann nun versucht, eine komplizierte und
zeitgebundene Familiengeschichte in ein fünfstündiges Programm in drei
Teilen umzusetzen ( mit zwei Pausen). Der erste Teil ist spannend,
komprimiert, schauspielerisch homogen und ein geschlossenes Drama für sich, das
bereits vorab an einigen Abenden in der Katholischen Akademie Berlin im
Mittelpunkt heftiger Diskussionen stand. Und nun ist allen Spekulationen
ein Ende gesetzt, denn Bachmann und sein Team belassen das Reizwort religiöser Opferbereitschaft innerhalb eines
längst überwundenen katholischen Weltbildes. Und befreien den Dichter
damit postum von einer lebenslänglichen Qual und Schuld. Das sind sehr intensive Dialoge, zu deren Verständnis die Kenntnis der historischen Umbrüche in jener Zeit und die damit verbundene Neuorientierung in Gesellschaft, Politik und Kirche hilfreich ist. Auch die Einsicht in das ausgezeichnete Programmheft, zumal es noch keine deutsche Übersetzung der "Gottlosen" von Claudel vorliegt, ist empfehlenswert. Die dritte Begegnung in diesem Teil ist entscheidend für alles weitere Geschehen; und sie bietet intensivsten Gesprächsstoff nicht nur in christlichen Kreisen: Toussaint Turelure herrscht absolut und brutal als Polizeipräfekt unter Napoleons Protektorat, und er läßt keinen Zweifel an seinem Vorhaben, als Sohn einer ehemaligen Magd der Coufontaine's seine niedere Herkunft durch Heirat in den Adelsstand zu erheben. Er kann Sygne erpressen, weil er um das Versteck des Papstes in dem Zisterzienserabtei ihres Besitzes weiß. Sygne hasst und verabscheut diesen Mann, der ein Massaker an den Mönchen und Nonnen der Abtei verübte, der grausam und ehrgeizig, rücksichtslos und verschlagen ist. Aber, um Papst Pius zu retten, beugt sie sich nach einem qualvollen inneren Kampf, in dem ihr Pfarrer Badilon (Andreas Leupold) unerbittlich als einzige Antwort auf ihr verzweifeltes Aufbegehren ihre christliche Opferpflicht entgegenhält, und sie verzichtet in einer erschütternden Demutsgeste - indem sie sich vor dem Christuskreuz, das sie aus zerschlagenen Einzelteilen wieder zusammengefügt hat, niederwirft - auf die weltlichen Freuden - den geliebten Cousin, auf Besitz und Titel und willigt in die unglückliche Liaison ein. Teil 2: Das harte Brot 25 Jahre sind vergangen; Sygne ist nach 11 Monaten ihrer Ehe gestorben; In einem Duell zwischen ihrem Cousin und ihrem Ehemann stellte sich sich anscheinend schützend vor Toussaint, aber eher in der Absicht, gemeinsam mit dem Geliebten zu sterben. Jetzt kehrt ihr Sohn Louis aus Algerien zurück, wo er sich als Geschäftsmann und Landwirt verausgabt hat und findet seinen Vater ebenso unangenehm, erfolgreich, reich und geizig vor wie er ihn verlassen hat. Es geht in diesem Kapitel um Geld, um Schulden, um wahre und falsche Liebe, vor allem um Spekulationen mit sehr viel Kapital, das man im Eisenbahnbau, in der Industrie und in den Kolonien gewonnen hat. Jetzt glaubt bereits niemand mehr an Gott, bis auf die jüdische Geliebte des dicken Toussaint, die trotz aller Assimilationsbestrebungen ihrer Tradition treu geblieben ist. Louis scheut sich nicht einmal, in seiner Lebensenttäuschung auf den bereits abseits gestellten bronzenen Christus gewalttätig einzuschlagen. Wen dieses Bild nicht erschüttert, der sollte sich nur noch Stephen King anschauen! Sohn Louis, von Florian Stetter schön softig und langhaarig neben seine polnische Geliebte, eine beinharte Revolutionärin (wieder Anja Schneider), gestellt , ist pleite und ziemlich hilflos; vom Vater verachtet, von der Gefährtin verraten, von der Geliebten des Vaters verhöhnt, greift er schließlich zur Waffe. Doch der Alte stirbt vor Schreck am Herzinfarkt, nicht ohne vorher noch sein Vermögen dem Vater der Geliebten, seinem Bankier, überschrieben zu haben. Damit entwirft Bachmann ein Bild einer unangenehmen Familie, zeigt Gezänk, Geldgier und Geiz der Mächtigen, die Ausbeutung der Schwachen und die Raffinesse der Frauen sowie ein bisschen verkasperten Sex rund um die verschmutzte Tafel, und das war's dann eigentlich. Nicht langweilig, aber auch nicht umwerfend. Auch hier brilliert Peter Kurt wieder als Toussaint - und kaum einer kann diesen Vollblutschauspieler an diesem Abend überbieten: Kurth zieht alle Register klassischen Komödiantentums, er könnte `"Der Geizige", "Der Bauer als Edelmann" oder ein "Falstaff" sein, selbstgefällig und überheblich, voller faunhaftem Imponiergehabe - und doch ängstlich und feige. In Teil 3 "Der Erniedrigte" weiß man - aus dem Programm - dass der Papst jetzt Pius IX heißt (mächtig Peter Kurth auch hinter dem Gazeschleier) und durch die bevorstehende italienische Einigung nach den Befreiungskriegen durch Garibaldi seinen Kirchenstaat und damit jegliche weltliche Herrschaft verloren hat. Sygne's Sohn (jetzt von Ulrich Anschütz in kühler Souveränität dargestellt) hat inzwischen die jüdische Geliebte des Vaters samt ihres (seines) Vermögens geheiratet (Ruth Reinecke neureich- vornehm) und eine bildschöne, blinde Tochter gezeugt (Melanie Kretschmann). Louis ist Botschafter in Rom und ziemlich ungläubig, was man bei Frau und Tochter, die nur zum Schein den katholischen Glauben angenommen haben, nicht so genau weiß. Nun folgt eine lang andauernde, ziemlich unglückliche Liebesgeschichte zwischen den beiden Neffen des Papstes zu der blinden Pensée; auch hier wird die schwierige Balance deutlich, die der Dichter und Diplomat Claudel selbst zwischen kirchlich auferlegten Geboten und leidenschaftlichen Gefühlen zu vollbringen hatte. Weil Orian (wieder Sebastian Blomberg) die Liebe zu Pensée nicht erlaubt ist, flüchtet er in den Krieg, und entscheidet sich bewusst für den Tod - in der Hoffnung auf eine ewig währende Vereinigung beider Seelen. Die sparsame Bühnendekoration, Beleuchtung und Musik sind, wie auch zuvor, sehr effektvoll, spielen mit Schatten und Lichtkegeln, mit Mummenschanz und burlesken Einschüben, um die gesellschaftlichen Absonderlichkeiten zu enthüllen, aber auch um die Unvereinbarkeit zwischen tiefen menschlichen Gefühlen und den christlichen Geboten im traditionellen katholischen Lehrgebäude darzustellen. Wieder geht es um ein Opfer, und diesmal wird es die Enkelin Sygnes sein, die schuld- und glücklos alleingelassen, den Bruder Orians (Florian Stetter) heiraten wird, um das noch ungeborene Kind und die Familienehre zu schützen. Nur, dass sich jetzt zwei Menschen einer moralischen Verantwortung beugen, zu der sie gleichermaßen das gesellschaftliche und das päpstliche Urteil gezwungen hat. Man sollte diese Inszenierung auf sich wirken lassen und sie als episches Theater in ihrem zeitlichen Kontext sehen; Zeitlose Bezüge zur Gegenwart stellen sich mit den Fragen des sinnvollen Opfers sowie dem Selbstverständnis und den Aufgaben eines Christen in einer jeden Gesellschaft . A.C.
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