Die Korrektur

von
Heiner und Inge Müller

 

 

Komm auf die Normenschaukel

 

 

Maxim Gorki Theater

Szenische Einrichtung: Armin Petra, Bühne: Kathrin Frosch, Kostüme: Hanne Günther, Video Niklas Ritter

mit: Peter Kurth, Ursula Werner, Robert Kuchenbuch, Johann Jürgens, Hilke Altefrohne, Horst Kotterba

 

 

 
   Ursprünglich ein Hörspiel, 1957 als Fortsetzung der zehn Jahre vorher geschriebenen "Der Lohndrücker", fand diese nur 15 Seiten umfassende szenische Lesung keine Gnade vor den Parteiaugen; denn der Bericht über den Aufbau des Kombinats "Schwarze Pumpe"  war dann doch zu realistisch, zu brutal, zu ehrlich, zu "parteischädigend". Das Vorzeigeprojekt Walter Ulbrichts in den Schmutz gezogen - da walte das rote Siegel! Und so korrigierten Müller/Müller ihre ursprüngliche, für unsere heutiges Verständnis eine kaum glaublich milde und politisch geschönte Variation über die desolaten wirtschaftlichen, organisatorischen und moralischen Zustände in der DDR-Arbeiterkultur! zu einer zweiten, abgemilderten Fassung, die 1958 zur Eröffnung der neuen Spielzeit dann im Gorki aufgeführt wurde. Die Autoren bekleideten mittlerweile die Stellen als Hausdramaturgen!
Das Maxim Gorki Theater hat sich jetzt bemüht, zu Beginn der Spielzeit, die unter dem gleichnamigen Motto steht, weil "unsere Gesellschaft insgesamt korrekturbedürftig sei", unter der Regie des Alles-Könner Armin Petras, diesen kleinen Disput um große Dinge auf den Hinterhof des Theaters zu montieren.
Unten auf dem Parkplatz mischen drei Bauarbeiter den, wie sich später herausstellen wird, schadhaften Beton, rauchen, trinken und zeigen mehr Unlust als Arbeitswillen. längst desillusioniert von hehren Sprüchen des Arbeiter- und Bauernstaates, in dem es an allem mangelt: an Geld, Material, Ausbildung und sozialem Miteinander. Pragmatisch-realistisch machen sie das Beste aus den verlorenen Zeit: fordern mehr Lohn für weniger Arbeit, klopfen mehr Sprüche als Mauern und prägen den unmißverständlichen Slogan von der "Normenschaukel" - pendeln oder verschaukeln - er bleibt für alle Interpretationen und Weltanschauungen beliebig!

Da kommt Bremer als Vorarbeiter der Brigade in die säumende und saufende Runde und fordert: mehr Einsatz, schnellere Arbeit und weniger Aufmüpfigkeit und ist überhaupt ein Störenfried. Für Peter Kurth sind auch die wenigen Sätze, die er hier nur zu sprechen hat, scheinbar zu viel; denn eher gelangweilt als engagiert, trägt er nicht gerade dazu bei, die trübe Lage aufzuhellen. Dagegen ist die Parteisekretärin und Vorsitzende mit Ursula Werner wieder einmal in Bestform. Oben auf dem Flachdach setzt sie vor rote flatternden fahnen durchs Mikrofon die rechten Maßstäbe nach Art der Partei. Die Arbeit am Bau der "schwarzen Pumpe" darf auf keinen Fall gestört werden! Sie ist kein Einpeitscher, nicht unmenschlich, sondern gibt sogar den Leidtragenden dieses Unglücks recht, aber in erster Linie ist sie Parteisoldat, überzeugter Anhänger ihrer Ideologie und Idealist, wie Müller/Müller es ja auch stets waren und blieben. Unangenehm und feige sind hier eigentlich die Genossen Arbeiter, die brutalen Sprüche eben auch brutale Handlungen folgen lassen. Allerdings ist ihr Anteil am Einsturz des Fundaments klar umrissen - sie hätten die mangelnde Material mit mehr Sorgfalt ausgleichen müssen - meinen die anderen. Auch der Ingenieur, ziemlich schmal und ratlos mit Hilke Altefrohne im weißen Ingenieurskittel, rettet seine Haut mit hilfloser Argumentation und weist jede Verantwortung von sich. Und wer trägt die Konsequenz? Bremer natürlich, der muß mal wieder seine Stelle wechseln. So war das damals...

Um das magere Stück zu erklären, halten Kristin Schulz von der Humboldt-Universität und der Dramaturg Ludwig Haugk zuvor eine Stunde lang das Publikum mit Historie und Interpretationen aus den Aufzeichnungen Müllers und den Umständen jener Jahre auf Spannung.

Für junge Menschen, die als Kinder den Mauerfall erlebten und bis dahin niemals erfahren hatten, welcher Geist sich hinter dem Stacheldraht verbarg, bedeuten Erinnerungen dieser Art ein Stück geschichtlicher Erhellung und deutsch-deutscher Aufarbeitung - nicht ihrer Vergangenheit, sondern der einer anderen, verantwortlichen Generation, die sich kritiklos der Willkür einer Ideologie verschrieb, die Anspruch und Wahrhaftigkeit mit einander verwechselte. A.C.