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Die Satanischen Verse von Salman Rushdie
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Wiedergeburt und Verwandlung
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Bühnenfassung:
Uwe Eric Laufenberg und Marcus Mislin
mit: Tobias Rott, Robert Gallinowski, Tuks Körner, Caroline Lux, Anne Lebinsky, Nicoline Schubert, Roland Kuchenbuch, Moritz Führmann, Ulrich Rechenbach, Serkan Sahan, Helmut G.Fritzsch
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Von Zeit zu Zeit finden Regisseure Gefallen an der Dramatisierung großer Romane. Sie sind allerdings selten der Stoff, aus dem die spannenden Theaterstücke gemacht werden, aber allemal waren die Versuche bisher nicht ohne Niveau. Da gab es an der Volksbühne in Berlin " Krieg und Frieden" von Dostojewski, "Der Meister und Margarita" von Michal Bulgakov, am Gorki-Theater die vierstündige Kurzfassung der Trilogie "Die Gottlosen" von Paul Claudel, als Tourneedarbietung am Ku'damm-Theater "Anna Karenina" von Leo Tolstoi, die es nun auch am Gorki zu sehen gibt. Und, jetzt in Potsdam, vielleicht als fulminante Abschiedinszenierung des - leider demnächst nach Köln abwandernden - Uwe Eric Laufenberg den Versuch, Salman Rushdies "Die satanischen Verse" jedermann zugänglich zu machen. Kein leichtes Unterfangen, und es sind schon lange dreieinhalb Stunden, die Konzentration und Aufmerksamkeit erzwingen, will man die Szenen in ihrem Zusammenhang verstehen. Äußerst hilfreich sind die kostenlosen Programmblätter mit der Erläuterung der Szenen, unverzichtbar ebenso das kleine Heft, das Beiträge zu den "Satanischen Versen", dem Islam, und von dem Autor selbst Gedanken zu seinen "Metamorphosen" - dem Grundthema dieses Buches - enthält. So gewappnet lässt sich dem Abend durchaus Einiges abgewinnen: Zum einen die Erkenntnis, dass die so genannten "Satanischen Verse", die dem Autor jahrelanges Einreiseverbot nach Indien sowie Todesdrohungen von den fundamentalistischen Geistlichen einbrachte und ihn trotz hoher Verkaufsziffern und vieler Auszeichnungen seines vielschichtigen Werkes sicherlich nicht restlos glücklich machten, tatsächlich ihre Quelle beim Propheten selbst haben. Das heißt, will man nicht ohnehin akzeptieren, dass das geschriebene Wort durch all die Jahrhunderte hindurch Veränderungen erfuhr, denn auch der Koran wurde, wie das Neue Testament, erst nach und nach - den gesellschaftlichen Verhältnissen entsprechend -vervollständigt. Und diese vom "Bösen" eingegebenen Verse, die Mohammed dann widerrief, nachdem er seinen Widersachern zunächst aus politischem Kalkül heraus die Existenz von drei, Allah gleichgesetzten, traditionellen weiblichen Gottheiten zugestanden hatte, sollte man schon in ihrem historischen Kontext betrachten. Nun hat Rushdie, der nicht irgendein blasphemischer Humorist ist, sondern ein Poet und Phantast von umfassender Bildung und Sensibilität, aus seinem eigenen Befinden, zwischen den Welten zu pendeln - nämlich geistig, seelisch und physisch - zwischen der indischen Heimat und der englischen Neu-Heimat, der hinduistischen Tradition und den Glaubensverkündungen des Islam eine oder besser: eine Vielzahl von ineinander verwobenen Geschichten ersonnen, die nicht nur zwischen diesen Welten, sondern auch zwischen den Zeiten hin- und herwirbeln. Dabei hat er, seinem Stil entsprechend, so viele Situationen miteinander verwoben, wie es nur die ganz großen Erzähler des Orients und - zuweilen auch des alten Russland - beherrschen. Rushdie läßt seinem Erzählrhythmus freien Lauf, ohne jemals den roten Faden zu verlieren, auch wenn seine Hauptfiguren durch mancherlei Metamorphosen gehen, durch Wiedergeburten mit jeweils einer neuen realistischen und einer imaginären Haut versehen werden. Der Schauspieler Gibril, der in seinen Filmen hauptsächlich Gottheiten darstellt und der Schriftsteller Saladin stürzen aus einem von Terroristen gesprengten Flugzeug aus 10 000 Meter Höhe ab - und finden sich nach einer Reinkarnation auf der Erde wieder: der eine als Teufel, der andere als Mahound, entfernen sich, begegnen einander aber stets von Neuem in anderen Rollen und mit neuen Aufgaben, umgeben von schönen und betrügerischen Frauen, von humorlosen Gestalten staatlicher und geistiger Provenienz, und sie versuchen, der Liebe und dem Glauben, kurzum den wesentlichen Dingen des Seins, auf den Grund zu kommen. Der eine als Prophet und Erzengel im ständigen Widerstreit mit sich selbst, der andere als Mensch, der sich mit Gott-Vätern auseinandersetzt. Laufenberg hat zahlreiche blitzbunte Szenen arrangiert, und seine Schauspieler blendend eingesetzt: voran natürlich den am Deutschen Theater lange Zeit als Starschauspieler erprobten Robert Gallinowski als Schauspieler Gibril und als Mahound, der über eine atemberaubende Sprachgenauigkeit und Modulationsfähigkeit verfügt; Ihm zur Seite als unabtrennbares zweites Ich: der Erzähler Saladin, zeitweilig auch Baal, der alte Gott und Herrscher, von Tobias Rott ohne ein Zeichen der Ermattung grandios durchgespielt; Natürlich ist auch Roland Kuchenbuch Held und Antiheld zugleich, der sämtliche Rollen eindringlich und überzeugend ausspielen kann, ob als Geist aus der Lampe, als Gott, als Vater, als Kaufmann - er ist Nathan und Shylock zugleich. Und Töks Körner überzeugt vor allem als "Schreiber" des großen Propheten, der uns erstmals und erst ziemlich am Schluß verständlich macht, warum die Ayatollahs den Autor so wutentbrannt verfolgen - denn nicht nur, dass das Heilige Wort des Korans angezweifelt wird, auch ihr schrecklicher Khomeini findet hier sein Pendant. Bei den Damen, die in viele verschiedene Rollen und Eva-Kostüme schlüpfen müssen, sich auf und in Betten räkeln, treulose Ehefrauen und Liebhaberinnen darzustellen haben, schillert natürlich Caroline Lux als hauteng lackrot glänzende Hexe, die sich über den in einen scheußlichen Teufel verwandelten Salam auf dem Krankenbett hermacht. Alle Darsteller müssen einen ausgesprochen schwierigen Text beherrschen und vielleicht in der Sorge, etwas zu vergessen, was im Übrigen niemand merken würde, sprechen sie leider viel zu schnell! Alles in allem: wer sich die Mühe unterzieht, sich entsprechend vorzubereiten und dem Ablauf des Geschehens, der in seinen permanenten Veränderungen immer wieder neue Zusammenhänge darstellt, mit Spaß und Neugierde zu folgen, der wird auch neue Einsichten gewinnen. A.C.
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