Der Sonne und dem Tod kann man nicht ins Auge sehen

von
Wajdi Mouawad
 

 

 Gefangen im Kreis von Rache und Vergeltung

 


Schaubühne am Lehniner Platz

 Studio


deutschsprachige Erstaufführung; deutsch von Uli Menke

Regie: Dominique Pitoiset;
Bühne, Kostüme: Kattrin Michel, Dramaturgie: Irina Szodruch, Licht: Erich Schneider

mit: Wolf Aniol (Vater, Lykos, Tiresias, Pelops; Bettina Hoppe: Pallas, Hippogameia, Schräger; Ulrich Hoppe: Verwalter, Laios, Eva Meckbach: Kadmos, Kreon; David Ruland: Ältester, Bote, Ödipus

 

 

 
Dies ist eine Erzählung, ein äußerst schwieriger Text, der sich mit dem antiken Götterglauben, der mystischen Vorsehung, der Befreiung des Menschen von seiner Schicksals- und Götterabhängigkeit befasst. Viel ist von Blut die Rede, nicht so abwegig, da sich die Ereignisse nicht nur in der antiken Welt ja auch vorwiegend um Schlachten, Mutter- und Vatermord, Misshandlung, Willkür, Starrsinnigkeit und Stolz drehten. Eines ruft das andere hervor; die Kette ist nicht zerreißbar. Mouawad beginnt seine gewaltige Analyse, sein eigenes verdichtetes Epos von Schuld und Schicksalsmacht, mit dem Raub der "Europa", der Tochter des Lykos, König von Tyros. Die Tat fordert Rache. Die sich in wechselnden Rollen darstellenden Schauspieler haben als Requisiten nur ein altmodisches grünes Samtsofa nebst Stehlampe sowie einen armseligen Küchentisch und einen Kühlschrank zur Verfügung. Man hatte auch darauf gut verzichten können. Denn ihre Sätze sind so kompakt, dass sie allein genügend Aufmerksamkeit vom Zuschauer gebieten. Die Verbindung zur Kleinbürgerwelt wäre hier nicht vonnöten. Ein Hörspiel also, wieder einmal!

Beeindruckend in diesem Kaleidoskop mythischer Dramatik sind vor allem Wolf Aniol als schicksalszerfurchter Vater, dem die Tochter geraubt wird, und der ob dieses Schmerzes beinahe wahnsinnig wird. Er opfert zwei seiner Söhne für die tödliche Vergeltungsschlacht. Zerstört bleibt er zurück. Geblieben ist ihm sein jüngstes Kind, Kadmos, den Eva Meckbach als frühreifen, wachen Jüngling darstellt, der seiner Berufung und Aufgabe mit glühender Sicherheit folgt. Er wird sich als Fremdling in eine Welt begeben, die ihm nicht wohl gesonnen ist, aber er er hat einen Trumpf in der Tasche, mit dem er die Feindschaft unter den Menschen besiegen wird: das Alphabet, die Wörter, die Sprache. Er wird siegen und die Stadt Theben gründen, Frieden schaffen und die Menschen vereinen. Wenn auch nur für kurze Zeit. Eva Meckbach könnte zu einer Schauspielerin heranwachsen, deresgleichen man lange nicht mehr unter dem Nachwuchs sah.

Wie man weiß, wird auch Kadmos eines Tages seinen Feinden erliegen, die Stadt den Widersachern gehören, sein Sohn Laios fliehen und von dem gütigem Pelops auf dessen Insel als Freund aufgenommen werden. Bis auch Laios der Götter Geißel schlägt: er liebt des Pelops Sohn und wird mit diesem auf Anraten von dessen Stiefmutter, die ihre eigenen Söhne auf den Thron setzen möchte, fortgehen - zurück nach Theben. Dort wird Kreon zum ersten  Minister ernannt und ihm die Leviten lesen: Er soll umgehend den Knaben an den mit Heeresmacht heranziehenden Pelops zurückzugeben. Doch das Laios'Fleisch ist stärker als die Vernunft. Theben wird zerstört, der Knabe nimmt sich das Leben; Und dann folgt in der Genealogie Ödipus als Opfer der mystischen Orakel, erschlägt den leiblichen Vater, unerkannt, ehelicht die Mutter, unwissend, zeugt Töchter und wird sich später selber blenden und irrsinnig in der alten Welt herumirren.

Das alles in Kurzversion, aber wozu?? Was beabsichtigt der Autor, der übrigens das ergreifende Schauspiel über die unfassbaren Gräueltaten im Libanon, "Verbrennungen", schrieb, das am Potsdamer Hans Otto Theater wirkungsvoll inszeniert wurde. Hier soll  uns gezeigt werden, wie Kulturen entstehen, sich vernichten, sich neu errichten; eine Zivilisation wird zerstört, auf ihren Trümmern entsteht nach und nach eine neue Gesellschaft, ein Reich löst das andere ab; der Ablauf der Geschichte ist immer derselbe; doch, so möchte der Autor vielleicht warnen, wenn wir der Vergangenheit nachblicken, zu lange um Verlorenes trauern und die Erinnerung nur dazu nutzen, um die Schmerzen lebendig zu halten, dann wäre uns jede Möglichkeit einer Zukunft versperrt. Nicht vergessen, aber vergeben, weder Richter, Opfer noch Henker zu sein, sondern sich - wie Ödipus - in sein Schicksal und die damit verbundene Aufgabe zu fügen; die Trümmern aufzurichten, neu anzufangen auf der Grundlage des alten Wissens und der neuen Erfahrung - das wäre vielleicht ein besserer Weg.

Für den gebürtigen Libanesen und Frankokanadier Wajdi Mouawad ist der Schmerz um seine sich in brutalen Bürgerkrieg zerfetzende Heimat wie ein ständiges brennendes Mal. Und vielleicht versteht man ihn und seine Geschichte recht, wenn er zwischen die Gewissheit des Todes und der Macht der uns blendenden Sonne die Vernunft und die Demut der Menschen stellen möchte. So wie Europa, die einst von Zeus entführte Königstochter, göttliche Befruchtung empfing, so könnte ein Europa der Kulturen, der Philosophie, der Kunst als Idee einer neuen Gemeinschaft in eine Zukunft führen, die nicht mehr von Krieg und Rache bestimmt ist. Schön wär's. A.C.