"Die Stadt" und "Der Schnitt"

von
Martin Crimp und Mark Ravenhill

 

 

Durch ein dunkles Labyrinth

an die Quelle der Wahrheit

 


 deutsch von Marius von Mayenburg


Schaubühne 

 Regie: Thomas Ostermeier
Raum: Jan Pappelbaum, Kostüme: Almut Eppinger, Dramaturgie: Marius von Mayenburg, Licht: Erich Schneider

Die Stadt

Bettina Hoppe (Clair), Jörg Hartmann (Christopher), Lea Draeger (Jenny), Mädchen: Helene Siegmund-Schultze/ Hannah Klaes

 

Der Schnitt:

Paul: Thomas Bading; Susan: Judith Rosmai; John: David Ruland; Stephen: Sebastian Schwarz; Mina/Gita: Judith Strößenreuther

 

 
 Endlich einmal gestaltet die Schaubühne einen aufregenden Theaterabend mit den bislang nur wenig genutzten Mitteln ihrer technischen Kapazität und führt die Besucher zunächst durch Warteschlangen wie am Flugschalter durch ein dunkles Labyrinth, vorbei an einem beleuchteten Guckkasten, in dem ein Mann am Schreibtisch hockt: Weiter, wieder ins Dunkle hinein tappend, erreicht man schließlich die große Bühnenhalle inmitten des Saals, an dessen hohen Wänden riesige Bilder fluten mit Aufnahmen von Laboratorien und langen leeren Fluren, über die immer ein einzelner Mann geht. Wiederholung ist ja Trumpf bei dieser Art von Videoinstallationen; endlich erhebt sich in der Mitte eine Säule, auf der ein Mann sich angurtet und mit zwei Laserlampen schrille Musik aus dem Off dirigiert; die klingt so, als ob man sie in die Kategorie Neue Musik einordnen könnte, nur noch abstrakter, desorganisierter, endgültiger, unheimlich. Dann wieder versinkt die Säule im Boden, der Mann verschwindet, und die seitlichen dunklen Trennwände heben sich, um zwei Bühnenarrangements freizugeben. Man placiert sich; die einen gehen in "Die Stadt", die anderen in "Der Schnitt"; nach der Pause wird man wechseln; nur die Schauspieler müssen an diesen Abenden zweimal spielen, worin wir aber keinen Mangel erkennen konnten.

Zunächst also  "Der Schnitt", eine ziemlich gruselige und gar nicht visionäre Geschichte von Mark Ravenhill, einem der jungen englischen Stückeschreiber, die wütend, traurig und verzweifelt auf unsere Zeit und unsere Gesellschaft blicken und alles für ziemlich desolat halten; gefährlich sind die Entwicklungen, die die Menschheit nimmt, ohnehin; Hoffnung ist wohl so ziemlich das letzte, an die sowohl Ravenhill als auch sein englischer Kollege Crimp glauben; gleichwohl haben sie selbst Familien und glauben vielleicht doch nicht immer selbst an das, was sie so unheilvoll verkünden.
Dramaturgisch jedenfalls ist "der Schnitt" außerordentlich eindrucksvoll aufgearbeitet und atemberaubend inszeniert, wenn man die äußerst sparsamen Dialoge bedenkt, die ja oft auch nur aus Wortfetzen oder Satzanrissen bestehen. Thomas Bading ist ein mitfühlender, ja leidender, dem Suizid naher Mann, ein Instrumentarium der Macht, ausführendes Organ für den schrecklichen Schnitt, dem sich die Menschen nach entsprechender psychischer Bearbeitung freiwillig und gerne unterziehen, winkt ihnen doch nach dem grausamen Schmerz endlose Glückseligkeit, Vergessen, ein neues Leben in der harmlosen Naivität des menschlichen Urzustandes. Paul weiß es besser, und er ist froh, dass die alte Garde abgedankt und mit ihm eine neue Mannschaft nun doch einige Verbesserungen eingebracht hat. Aber er weiß, das diese Entmündigung der Bürger immer unmenschlich und grausam bleiben wird; Nur John weiß es nicht, der ungeduldig vor Pauls Schreibtisch sitzt und begierig auf "Den Schnitt" wartet, den Paul ihm mit allen Mitteln ausreden möchte...
Im zweiten Bild unter dem grellen Licht eines Chromdaches, sitzen Paul und seine Frau Susan am Esstisch und missverstehen einander gründlich, reden aneinander vorbei, streiten, verzweifeln, als ob sie in babylonischen Zungen reden; sobald der Anflug einer Annäherung erfolgt, weicht man einander aus oder Susan plappert von Nichtigkeiten, manisch getrieben, um sich nicht der Realität stellen zu müssen. Judith Rosmair krümmt und windet sich als ob sie Leibschmerzen hätte, kaum in der Lage, dem Dienstmädchen korrekte Anweisungen zu geben oder Pauls leise Hilferufe wahrzunehmen, der ihr niemals erzählte, welcher Tätigkeit er tagsüber im seinem Büro "nachgeht" und welche Höllenqualen er leidet... 
Im dritten Bild dann hat wieder einmal die Herrschaftsclique gewechselt; die junge Garde, Studenten wie Paul' s Sohn Stephen, haben gesiegt und sind dabei, die schrecklichen Fehler der Alten abzuschaffen; auch den Schnitt? Das Gespräch in der Gefängniszelle ist deprimierend, für Paul, der keine Hoffnung mehr sieht und sehen will und sich im Selbstmitleid beweint und für Stephen, der an seinem Vater und dessen Uneinsichtigkeit leidet. Generationen wechseln, Menschen in Positionen wechseln, doch die Machtstrukturen bleiben die gleichen. Vielleicht.
Die Spannung ist leider nicht durchgängig, einige Ermüdungsmomente treten auf - vielleicht auch mangels sprachlicher Feinheiten, von Schliff ganz zu schweigen; Fäkalausdrücke schmerzen nicht, sondern kaschieren die Sprachlosigkeit - aber wohl eher die des Autors.

 Die Stadt
Die Stadt ist zu zerstören und die Menschen sind zu töten - das Motto aller Kriege zu allen Zeiten steht hier nur in den Albträumen einer jungen verwirrten Krankenschwester, deren Mann als Arzt fern in einem umkämpfen Land weilt. Die Marter ihrer Gedanken ist unerträglich, wie das Grauen eines jeden Krieges; aber hier, im Frieden, in der wohl versorgten Stadt weitab jener Geschehnisse, gärt es in ihrem Gemüt, macht sie ängstlich und hilflos. Sie sucht Schutz bei dem Paar mit dem schönen Garten, den netten und lauten Kindern, einer Familie, die Harmonie und Geborgenheit verspricht. Doch leider bröckelt bei der kühlen überlegenen Clair, seitdem sie einem seltsamen Schriftsteller begegnete, und bei Christopher, seitdem er seine Arbeit verloren hat, die helle schöne Fassade; hinter dem Austausch ihrer Freundlichkeiten lauert Misstrauen, zeigen sich Empfindlichkeiten, Selbstmitleid und Nervosität. Der Umgangston wird verletzend, klingt zwar noch immer höflich, doch hört man einander eigentlich nicht mehr zu; jeder ist mit dem beschäftigt, was ihn bedrückt und quält. Und sie können nicht miteinander reden; auch hier ergibt das ständige Nachfragen, wenn es prekär wird und der andere sich verwundbar zeigt, kein Verstehen, kein Miteinander, keinen Neuanfang; die Ehe zersplittert während jeder bei dem anderen auf das nicht-ausgesprochene erlösende Wort wartet, das sie einander wieder näher bringen könnte.

Stattdessen: Messer liegen herum, blutiges Steak wird auf dem Nirostaspültisch geschnitten, dabei ist doch eigentlich die Luft zum Zerschneiden; das Klavier kündet von bürgerlichem Wohlbefinden, die Tochter ist aufmüpfig und frühreif, die Wahrheit irgendwo gut verpackt, bis Clair ihrem Mann ein Angebot auf ihre Art macht: sie ist Übersetzerin, und verbirgt ihre Sehnsucht, nicht selbst Schriftstellerin geworden zu sein, hinter einer gut getarnten lässigen Distanz. Dann schenkt sie ihm ihr Tagebuch, das Intimste, das hat Christopher zuvor seiner Tochter eingetrichtert, was ein Mensch besitzt, und das es um alles in der Welt zu achten gilt. Dieser Christopher ist überhaupt mit Jörg Hartmann rundum liebenswert, auch wenn er voller Hemmungen steckt. Aber eine kühle Frau und ein scheuer Mann sowie eine frustrierte Krankenschwester, das ergibt zusammen wahrlich keine Wärmestube. Und man ist hinsichtlich der Zukunft aller Drei doch einigermaßen besorgt. A.C.