Gross und Klein

von

Botho Strauss

 
 

Gegen die Wellen des Ozeans:

Mir fehlt doch nichts!

(Uraufführung 1978 an der Schaubühne am Halleschen Ufer)
 
Deutsches Theater (2008)

 Regie: Barbara Frey; Bühne: Bettina Meyer, Kostüme: Gesine Völlm, Wiebke Waskulat, Dramaturgie: Bettina Schültke

 

mit: Nina Hoss, Margit Bendokat, Meike Droste, Friederike Wagner, Matthias Bundschuh, Christian Grashoff, Frank Seppeler

 

 

 
 Da will etwas herausbrechen, aus dieser Haut, aus diesem Leben; jede Faser ihres Körpers signalisiert diesen unbezähmbaren Drang: die Glieder zappeln und zerren, beugen und verbeugen, verrenken sich in permanenter Unruhe; das ist kein hyperaktives, hypermotorisches Wesen, sondern ein unglückliches, schwerkrankes, vereinsamtes Menschenkind, das gegen einen unbezwingbar hohen Wellenberg ankämpft. Noch lacht und scherzt diese Lotte, eine junge, gerade von ihrem älteren Ehemann verlassene schöne Frau, die völlig aus dem seelischen und sozialen Gleichgewicht geworfen ist. Nina Hoss spielt nicht, sondern ver-körpert sie im wahrsten Sinne des Wortes, indem sie aus der Vereinsamungsfiktion von Botho Strauss einen Menschen aus Fleisch und Blut macht, den kühl sezierenden Verstand in Wärme und Blut verwandelt. Vielleicht ist sie wirklich eine der 36 Gerechten, zu denen sie sich wahnhaft erhebt?! Denn da sie am Ende gegen den allgewaltigen, mächtig-unbeugsamen Gott des Alten Testaments ankämpft, darf, ja sollte man Strauss und seiner Lotte schon die ehrliche Suche und den Drang nach einer Gott-Vaterfigur zugestehen, die alles heilt, erklärt, richtet und schützt. 

Doch bevor Lotte endgültig abgleitet in die Welt des Wahns, der Auflösung, der Abtrennung von allen abstrakten und abstrusen, nicht minder abwegigen Verhaltensmustern ihrer Umwelt, versucht sie, sich mit letzter Kraft aus der Isolation zu befreien; ihr Plappern, ihr Resümieren, ihr Reflektieren über Wörter, Menschen, Paare und deren Verhaltensweisen im ersten Kapitel "Marokko" ist zunächst ein Austausch mit sich selber: rücklings auf einem Stuhl zappelnd, zwei Männer vor dem Fenster beobachtend und fern ihrer zerstrittenen Reisegruppe, mit der sie durch das Land tourt; Ihr, Lotte, ist es langweilig, eingeschlossen mit sich und ihrer Menschenphobie. Doch dann wandert Botho Strauß mit ihr und seinen Beobachtungen von "Paaren und Passanten" zurück in ihre kleine Welt und Nachbarschaft des Wohnhauses, leuchtet hinter die hermetisch verschlossenen Türen, die sich hin und wieder öffnen lassen und einen vorsichtigen Blick freigeben. Da sitzt ein Mann (Frank Seppeler) die ganze Nacht wartend, sinnierend am Bett seiner schlafenden Frau (Friederike Wagner) die seine Verzweiflung nicht sieht. Lotte späht durchs Fenster, nimmt unbefangen und überdreht Kontakt auf, kleidet die verstörte Frau in Worte und schöne Garderobe, weckt ihre Sinne und Sehnsüchte bis der Ehemann sie zur Räson bringt, sie wieder eingrenzt in die eigene unverstandene Strenge und Abgeschiedenheit, sie wieder zum Verzicht auf ihre Persönlichkeit zwingt, die, würde sie sich entfalten dürfen, wohl von ihm fortflöge und ihn allein zurück ließe!
Auch Lottes Ehemann wohnt in dem Block, in den sie nun einzieht. Sie versucht, ihn um die Scheidung zu bitten; vergebens, denn der knarrige, menschenfeindliche Mann (Christian Grashoff) ist ein glückloser Journalist, der sich einkapselt, eine neue Liebe sucht und doch am Leben vorbeigeht, weil er es nicht in Worte fassen kann, um sie und sich lebendig werden zu lassen.
Dass Lotte von ihren Mitmenschen nicht verstanden und schlecht behandelt wird, das kennt sie und kuscht, und es ist in jeder neuen Szene ein Erlebnis, die seelischen Konflikte, die Leidensfähigkeit in ihrer gekrümmten, instabilen Körpersprache zu lesen, aber auch die aufkeimende Hoffnung und Fröhlichkeit zu erleben, mit der Nina Hoss ihre Lotte mit dieser verzweifelten Unruhe, dieser unterdrückten Lebendigkeit erfüllt! In ihren Träumen bricht sie aus, fleht um Liebe, um Einlass, um eine Sprache der Verständigung. Das ewig alte Thema: Menschen reden und leben aneinander vorbei; ihre Metaphern verstehen weder sie selbst noch die anderen; ihre Hilferufe sind so verpackt, dass sie abweisend und stachelig wirken und verstören; Das ältere Paar beispielsweise (Christian Grashof und Margit Bendokat), das senil erscheint, weil es immer die selben Lichtbilder aus seinem Alltag den Nachbarn vorführt und doch ein jedes mit Lebenserfahrung füllt ohne dies selbst in seiner glücklichen Naivität zu ahnen, hat sich sein Leben eingerichtet, aber es kann Lotte nicht helfen, denn zwischen ihnen liegen die Wellen eines weiten Ozeans.

 Und da ist ein Mann (Seppeler) ein junger Mann, von Beruf   Kristallograph, dessen Herz längst zu einem ätzenden Metall geworden ist. Da ist die Frau, die Concièrge, kühl, sachlich, fern aller Freundlichkeit; und da gibt es dieses seltsame, mittlerweile 17 Jahre alt gewordene Kind, das von den Eltern verlassen wurde, sich unter einem Zelt vergraben hat und der Welt seinen Anblick und jeglichen Kontakt verweigert. Lotte wandelt wie Alice im Wunderland durch diese fremdwesenartige Szenerie, läßt ihre ganze Liebe über den teilnahmslosen Bruder (Matthias Bundschuh) fluten, der auf der Nordseeinsel sein für ihn sinnloses Leben mit einem Tick und einem Geheimnis fristet und die übrige Familie wie eine Variante von Gorkis "Sommergästen" heraufbeschwört - mit einer Alkoholikerin (Meike Droste), einem tumben und viel zu lauten Greis (Grashof) und einem verlotteren, sexuell gestörten Schwager (Seppeler).

Beinahe atemberaubend ist die Szene, in der Lotte nacheinander alle Klingelknöpfe eines Mietshauses drückt, um eine frühere Freundin unter einem alten Namen zu finden - als letzten Zufluchtsort... Durch die Sprechahnalge erhält seltsame Antworten von fremden Menschen,  die gut abgeschirmt, der keine Annäherung gestatten. aber durch ihre Worte ein umfassendes Psychogramm abgeben! Abweisend, fremd, kalt, begehrlich, dann, endlich die erhoffte Stimme: eine fremd gewordene, unangenehme, abstoßende, schizophren-sadistische Begegnung - ein weiterer Stein auf ihrem Leidensweg. Als sie endlich einen jungen Mann trifft, der sie trotz allen befremdlichen Verhaltens ( sie fischt alte Zeitungen aus dem Mülleimer!) annehmen möchte, dreht sie sich um und wankt erschlafft mit gekrmmten Gliedern davon, es ist zu spät für eine letzte echte Begegnung. Denn eigentlich lebt sie schon nicht mehr in dieser Welt. Endgültig ver-rückt sich ihr Wesen dann in der Atmosphäre der Verwaltungsbürokratie, wo sie sich in einem letzten Akt der Anpassung verbissen zu behaupten versucht, um dazuzuhören: durch Leistung, durch Überanstrengung, doch da revoltiert ihr Geist endgültig, bäumt sich die Psyche auf, verdreht und verkehrt die äußere Ordnung sich in ihr Gegenteil, Wahn und Witz begegnen einander und reichen sich höhnisch die Hände.

Überhaupt ist diese Inszenierung ausgesprochen heiter - eine menschliche Komödie, hinter der die Tragödie der Einsamkeit aber offen zutage tritt. Wer das nicht sehen kann, wird mit diesem Stück nicht viel anfangen können. Denn "Groß und Klein" meinen diese Begegnungen, sind Verwandlungen, sind Momentaufnahmen, die sich wie die zu einem existenziellen Puzzle zusammengefügten Short Cuts eines Raimund Chandler aufbauen; scheinbar getrennte Schicksale, die aber ineinander hineinwirken, mit einander auf zufällige Art verbunden sind, im Realistischen wie im Visionären aber letztendlich aneinander vorbeiziehen.
Im Wartezimmer, wo die Patienten nacheinander von der anonymen Stimme der Sprechstundenhilfe zum Arzt hineingerufen werden, bleibt Lotte bis zuletzt zurück; sie verdreht, verkriecht, verkrabbelt sich wie eine Schnecke auf ihrem kleinen Stuhl und strahlt den Arzt an, als der verwundert fragt, warum sie noch hier verweilt. "Aber mir fehlt doch nichts" sagt Lotte  und schleicht zur Tür hinaus, gebeugt, gebückt, bedrückt: ein Häufchen Elend und Unglück. Nein, ihr fehlt nichts - ihr fehlt alles! A.C.