Liberté Toujours

von
Maxi Obexer 

 

 

  

  Grenzübergänge - wenn es dunkel wird...

 

   Aus dem Programm der

Sophiensäle 

Text und Regie: Maxi Obexer

Musik: Ralf Haamann

Bühne: Klaus Gasperi

Mitwirkende: Thordis König, Lars Studer, An Khuon

Eine Zusammenarbeit des Stadttheaters Bruneck mit den Sophiensälen und "Die Rampe" Stuttgart; gefördert vom Kulturinstitut der Südtiroler Landesregierung

Kurzfassung

In drei Monologen erzählen zwei Frauen und ein Mann einander ihren erschütternden  existenziellen  Abstieg, der von einem Moment zum anderen erfolgte, blitzartig durch eine ungeahnte, unmöglich erscheinende Situation hervorgerufen - doch in ihrem Bewusstsein schon vorhanden ehe er, in den Synapsen entsprechend geschaltet, zum endgültigen Zerfall der Pesönlichkeit führte

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 Wer bei Nacht und Wind die Berliner Freie Theaterszene durchstreift, wird in den kurzzeitigen Wechselspielen zumeist einen herausragenden Akzent in seiner Erinnerung bewahren. Beispielsweise in den Sophiensälen, wo nicht nur das sagenhafte Gammel-Ambiente einen unauslöschlichen Eindruck hinterlässt, sondern auch oftmals eine recht kultivierte, pseudointellektuelle und eine gesellschaftlich-politisch kritische Nabel- und Gehirnanalyse auffälliger Nachwuchsautoren sich mit bleibenden Bildern im Kopf einnistet. Hier finden aufstrebende und aufsteigende Literaten, Dramatiker, Regisseure, Lehrer wie Schüler eine Wirkungsstatt, können sich, frei gefördert durch allerlei wohlmeinende Kultureinrichtungen, entfalten und entwickeln.
Da den Räumlichkeiten wohl nicht mehr zu helfen ist, macht man das Beste aus der maroden Altsubstanz: man ignoriert sie und konzentriert sich auf das, was dargeboten wird. Wenn die Texte aussagekräftig sind, genügt ein Deklamieren bester Sprach- und Stimmschulung, auch Körpersprache ließe sich hier gut studieren, da sich raumausgreifend agieren lässt. Mehrere Produktionen können zudem gleichzeitig ausprobiert werden, da es mehrere "Säle" und so gut wie keinen Kulissenaufwand gibt; auch Kostüme werden schon lange nicht mehr benötigt, da Alltagsthemen, Alltagssprache und Alltagsoutfit einer neuen Theatergeneration durchaus genügen.

Zur Zeit gibt es u.a. den Import einer Südtiroler Autorin oder ist es ein Autor? Dem Programmheft ist das Geschlecht nicht zu entnehmen, seitdem sich auch Vornamen dem unisex angepasst haben. Wie dem auch sei, diese(r) Maxi Obexer jedenfalls ist hörspielerfahren und von etlichen Jurys bereits mit Auszeichnungen bedacht worden, zweifelsohne für ihr (sein) vielversprechendes literarisches Sujet, ihre (seine) Fähigkeit, mit gutem Gespür und geistreicher Diktion, auch in einem spannenden erzählerischen Ablauf den schmalen Grad zwischen normalen und paranoiden Schaltvorgängen aufzuzeigen und transparent werden zu lassen.

Da ist die überintelligente, hoch begabte Frau, der ihre intellektuelle Überlegenheit und kritische Weitsicht zum Dauerverhängnis wird. Keine Aussicht, einen Job zu finden - bis sie eines Tages das Instrument ihre Rache auf dem Schreibtisch des Chefs blinken sieht... Oder der junge Musikwissenschaftler, der vor seiner entscheidenden Prüfung zum Dozenten, vor der letzten Hürde seiner Laufbahn steht - und total versagt, weil er Dinge sieht und weiß, die ihm nie zuvor aufgefallen und bewusst waren, die sein Gehirn absolut ausfüllen und damit in der entscheidenden Prüfungsphase ausschalten... Da ist die jahrelang um Liebe und Leben betrogene und getäuschte Frau, die den rettenden Schritt zu spät tut und nun in der Einsamkeit ihres Alters in Visionen flüchtet, die sie nur mit Hilfe von Alkohol aufrechterhalten kann. Was aber wäre gewesen, wenn sie in der Früherkennung ihres ehelichen Dilemmas "geschaltet" hätte, den Übergang von der einen zur anderen Existenz rechtzeitig vollzogen, die Blockade, die sie festhielt, zu einem früheren Zeitpunkt gesprengt hätte...

Erschütternde Fragen, Einsichten , Bilanzen. Doch leider fehlten den Geschichten das sie verbindende Gerüst. Der leere, stuhlbesetzte Raum, in dem sie einander ihre Geschichte vortragen, könnte eine Anstalt für psychisch Kranke, einfach nur ein Wartesaal, eine Gaststätte sein, ein letzter Zufluchtsort. Doch was fehlt, ist ein dramaturgisches Kontinuum. Die Regie läßt jedwede Phantasie vermissen, die Darsteller sind mit wenigen Requisiten sich selbst überlassen; Thordis König gibt eine exaltierte hochqualifizierte Bewerberin, die in verschiedenen Jobs kleingemacht wurde und jedes Sich-Aufbäumen mit einer weiteren Degradierung bezahlt. Bis sich ihr Bewusstsein für eine reale Logik auf ein dunkles Nebengleis verschiebt.
Lars Studer wäre, wenn er seinen Text so beherrscht, das er seine sanfte Stimme entsprechend nuanciert einsetzt, ein durchaus überzeugend schüchterner Musikwissenschaftler, dessen Gehirn sich in anderen Sphären bewegt, in dem menschliche Eitelkeiten und Prüfungssarkasmen keinen Platz haben.
An Khuon erinnert sich an das verlorene Leben, das sie zu lange ertragen hat. Mit erschütternder Selbstreflexion kämpft sie einen letzten, aussichtslosen Kampf um das letzte bisschen Eigenleben, das ihr noch bleibt, die letzte verzweifelte Farce, sich mit einigem Chic äußerlich herzurichten - aber die Schuhe verknicken, das Haar verstrubbelt, das Antlitz ist voller Leid, die Stimme voller Schmerz. Das Lächeln nur noch gut geschminkte Fassade.

Fragen, die bleiben: Doch wie erkennt man den richtigen Zeitpunkt des Übergangs -und,  sind wir letztlich Herr unserer Entscheidungen? A.C.