Marathon

von
Joachim Meyerhoff

 

 

Kein Knorpel knirscht mehr

oder wie man dem Leben davonlaufen kann   

     2 Stunden, 4 Minuten, 55 Sekunden

Uraufführung

Maxim Gorki Theater

Regie: Joachim Meyerhoff; Bühne und Kostüme: Sabine Volz; 
Musik: Matthias Trippner; Dramaturgie: Remsi Al Khalisi

 

Mit: 
Anya Fischer, Bettina Hoppe, Francesca Tappa, Ulrich Anschütz, Thomas Bischofberger, Horst Fischer, Tim Hoffmann, Wolfgang Hosfeld, Rainer Kühn, Thomas Müller, Dietmar Obst, Felix Rech

Puppenspieler: Steffi König, Rahel Wohlgensinger

und ein Hund namens Artos, trainiert von Carola Schultheiß

Kurz gefasst:

Meyerhoff weiß, worüber er schreibt, und seine Darsteller haben dafür ebenfalls hart trainiert. Ein Abend im Laufschritt also; für seinen Inhalt sind (siehe Programmheft)  literarische und mythologische Texte sowie die Interviews verantwortlich, die Meyerhoff mit "echten" Leistungsläufern führte und die ihm dabei so allerhand über die Belastung von Psyche und Körper offenbarten.  

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  Es gibt keinen Zweifel daran: der Marathonlauf ist lebensgefährlich. Man denke an den Erfinder dieses mittlerweile bei Jung und Alt beliebten Ertüchtigungsspektakels, den griechischen Läufer Pheidippides, der den Sieg bei Marathon über die Perser nach 42 Kilometer Lauf daheim in Athen den bekümmerten Achonten mit den Worten verkündete: "Freuet euch! Wir siegen!" und gleich darauf zusammenbrach. Joachim Meyerhoff lässt keinen Zweifel daran, wie mörderisch dieser Lauf für die meisten Menschen auch heute noch ist, was er ihnen an Mut und Ausdauer, Ehrgeiz und Selbstverleugnung abverlangt und - welchen Preis sie für diesen Moment des für sie wohl größten Glücks bezahlen.

Nachdem Ulrich Anschütz sich vom harmlosen Strandurlauber in den legendären Pheidippides verwandelt, den verstörenden Überfall der persischen Flotte mit Entsetzen beobachtet und den überraschenden Sieg der unterlegenen Griechen jubelnd begrüßt hat, macht er sich auf den Weg. Nach 2 Stunden, 4 Minuten, 55 Sekunden, ist er angekommen: Genau solange dauert das mit Humor gespickte Spiel um Leistung und Höchstleistung im Maxim-Gorki-Theater. Auf vier Laufbändern kämpfen sich acht Schauspieler über die Runden und durch die Zeit, die unbarmherzig von den Juroren am Seitentisch (Tim Hoffmann mit unbewegter Miene) und einem zeitweilig skurril mithampelnden Flötisten im Frack (Horst Fischer) angesagt und begleitet wird.

Da läuft sich zunächst Thomas Müller warm, ein idealistischer, netter Junge, der seitlich vorbeitrippelnd der Oma zuwinkt, dem Hund des Nachbarn zu Recht nicht traut und jedes Haus kenn, bis er im nächsten Dorf angekommen ist. Mittlerweile blutet die Nase, und das Befinden ist auch sonst nicht so toll. Endlich daheim wieder angelangt, sticht der Muskel im Oberschenkel. Aber die Zeit ist in Ordnung, und die Welt damit auch. Hauptsache. Daneben der coole Langstrecken erfahrene Felix Rech, lächelnd, immerfort, das Kaugummi von einer Seite zur anderen schiebend, dabei noch redend. Er ist der Crack, ganz klar, es läuft sich prima durchs Leben. Irgendwann später allerdings macht sich das Knie bemerkbar, als es drauf ankommt, die Zeit rinnt, die Kilometer sich strecken. Der Schmerz meldet sich, unbarmherzig, messerscharf; er wird personifiziert, zum Kumpel erklärt, als widerwilliger Partner beschimpft und weiter malträtiert, solange sind noch genügend Glückshormone übrig sind. Aber leider sie reichen sie nicht ganz bis zum Ziel. Der strahlende Favorit wird durch die Ziellinie geschleppt, von einer, die nie Siegerin, sondern stets die Letzte war: Anya Fischer, überproportional ausgestopft, mimt das unerträgliche Dasein einer Übergewichtigen, die einschließlich Horrortrips alles versucht hat, um abzunehmen. Ihre Lebensgeschichte ist ihre Leidensgeschichte. Jetzt versucht sie es mit dem Dauerlauf - und sie frisst weiter. Der Frust und die Strapaze sind größer als der Erfolg.

Da ist der smarte Geschäftsmann (Rainer Kühn) in mittleren Jahren, der sich vor der Aufsichtratssitzung noch einen kleinen Zweistundenlauf gönnen möchte und mit seiner Phantasie in seine Traumwelten fliegt und flüchtet. Doch sein Handy und seine unerbittliche Sekretärin beordern ihn immer wieder zurück in die Wirklichkeit: Der Vortrag wird so so banal sein wie er immer war. Nicht minder traurig ist das Schicksal der übertüchtigen Managerin, die von Bettina Hoppe kaltblütig und kaltschnäuzig gespielt wird. Die Coolness nützt ihr nichts. Nach einem Flugzeugabsturz wird sie von den späteren Folgen des Schocks elendiglich zerstört werden: Anstatt die psychischen Schäden aufzuarbeiten, strapaziert sie nun ihren Körper. Immer mit Volldampf den anderen voraus.  

Vor ihrem Schicksal, vor ihren Lebensaufgaben laufen sie eigentlich alle davon: Auch der Frauenfreund, der nicht alt werden kann, der Schürzenjäger, der die weiblichen - vor allem jüngeren - Läuferinnen als Objekte der Erbauung und der Ablenkung mit Wohlgefallen betrachtet und seiner Phantasie gern freien Lauf lässt. Wolfgang Hosfeld  kehrt noch mal den tollen Macho raus, der er sicherlich nie war. Sein Pendant  ist die liebestolle "Menschenfresserin", die alle und alles verschlingt, bis ihr übel ist: Francesca Tappa als hübsche, männermordende mythologische Atalanta vernichtet, was ihr unterlegen ist. Nur der Mann, der der Zeit davonläuft und nicht merkt, dass diese ihn längst eingeholt hat, bleibt smart und stets gut drauf: Eingepackt in einem Werbepanzer trainiert sich Thomas Bischofberger durch das Läuferleben und erdenkt sich die Apokalypse der Menschheit im Läuferwahn. Wo ein natürlicher Feind fehlt, wird der Menschen zum eigenen Feind - er befehdet seinen Körper, vergisst seinen Verstand und ruiniert seine Seele. Zuletzt werden die Wölfe ihn fressen. Auch eine Möglichkeit.
Doch zum Schluss hat der Tod das Sagen, als sich ein Herzkranker noch einmal auf des Teufels Langstreckenbahn begibt, der Stimme der Vernunft trotzt und der des Versuchers unterliegt. Ein letzter Lauf, dann umarmt ihn der weiße Freund - von den   Puppenspielerinnen Steffi König und Rahel Wohlgensinger liebevoll geführt.
Auch der griechische Läufer kommt an; schlammverkrustet, abgerissen, kriechend auf den letzten Metern,  erhebt er noch einmal die Stimme für die frohe Botschaft; dann umarmt auch ihn der Tod.

 Ja, irgendwie gelangen sie alle ans Ziel, wie Zirkuspferdchen tänzelnd, dann stolpernd, dann sich mit letzter Kraft schleppend und ziehend, lädiert und erschöpft, müde zum Umfallen; aber sie haben es geschafft. Auch die Schauspieler haben es geschafft: Die ganze Zeit im Trapp, doch auf der Stelle tretend. A.C.