Mefisto forever
 
von
Tom Lanoye

nach
Klaus Mann
 

 

 

Überschrift

 

 
aus dem Niederländischen von Rainer Kersten

 
Maxim Gorki Theater

Regie:  Armin Petras

Bühne und Kostüme:  Katrin Frósch und Aino Laberenz
Musik: Sascha Hargesheimer,
Dramaturgie: Ludwig Haugk

Ensemble: 
Paul Herweg, Fritzi Haberland, Max Simonischek, Ursula Werner, Peter Moltzen, Julischka Eichel, Wanda Perdelwitz, Peter Kurth, Anja Schneider

 

 

 

 

 
Theater auf dem Theater, das ist immer schon ein Pluspunkt; wenn dann noch so ein beliebtes Sujet wie Macht und Missbrauch der Staatsgewalt, das Dritte Reich und das kaum zu übersehende Porträt eines der berühmtesten Schauspieler des letzten Jahrhunderts hinzukommt, der die Kunst über die Auflehnung gegen das Regime setzte, dann sollte ein Theaterabend eigentlich Spannung und Besinnung von der ersten bis zur letzten Minute garantieren.

Und das ist diesmal dem Maxim Gorki-Ensemble unter der Regie seines ansonsten eher zu ausufernden Experimenten neigenden Regisseurs Armin Petras durchaus gelungen; das liegt zum Einen, wie genannt, am Sujet und den inszenatorischen Bedingungen, die der Autor vorgegeben hat, aber ebenso auch  am Text und an den exakt hinzugefügten Regieanweisungen von Tom Lanoye. Petras brauchte nur die ungeheure Ansammlung von klassischen Substraten auf ein Aufführungsmaß zu kürzen, seine beste Mannschaft auf die Bühne zu stellen, und er hat einen vibrierenden Theaterabend kreiert.

Da ist Kurt Köpler, von schmaler Eleganz, bieg- und beugsam, ein Vollblutschauspieler wie ihn die Welt in Gustav Gründgens kannte; der seine Theaterleidenschaft über alles stellte, seine Schauspieler auch in den schwersten Zeiten zu schützen versuchte, sowie er es vermochte. Mit Paul Herwig ist diese schillernde Persönlichkeit unserer Theatergeschichte blendend besetzt: unbeugsam als Regisseur und Intendant, hilflos gegenüber der Willkür eines totalitären Systems und gegenüber dem eigenen Ehrgeiz! Die Frage, die sich seither stellt, ob und inwieweit ein denkender, künstlerisch verantwortungsvoller Mensch allen ihm möglichen Widerstand gegen Unterdrückung und Machtmißbrauch leisten muss, wird in diesem doppelbödigen Spiel auf dem Theater von Proben und "richtigem" Leben wie mit glühenden Kohlen entfacht. Das ständig wachende Auge des unerbittlichen Gesetzes sieht sich mit den züngelnden Flammen der Wahrheit in Form aller großen klassischen Dichtungen konfrontiert. "Der "Dicke", Kulturminister und ohne Probleme als Göring zu identifizieren, findet mit Peter Kurth eine geradezu grandiose Umsetzung: süffisant, mit schlangenartig zupackendem Biss, einem gemein irreführenden sanften Verständnis, das jäh in bitterböse Despotie umschlägt! Dabei  vermag Kurth mit wenigen Regungen, mit leisen und ebenso hintertückischen Worten der Schauspieltruppe sein unerbittliches Diktat aufzudrücken; Und dann, in einer kleinen wahnsinnig aufregenden Passage, deklamiert er einige wenigen Zeilen des Faust', und ihm gelingt in kürzester Zeit eine Meisterleistung der Verwandlung! Er ist Faust! Noch später wird er von dem nun schon geschlagenen und beinahe vernichteten Köpler die Darstellung seines Meisterstücks, des Mephisto, fordern. Und der wiederum wird voll geschminkt und einsam den Tod seiner Mutter betrauern oder auch nurmehr sich selbst... Ein Floh im Gewand des Königs!

Kurt Köpler bleibt in seiner Hilflosigkeit nur die Fülle seines Zitatenschatzes; was sonst hätte er tun können? Das Theater schließen, die Schauspieler arbeitslos machen und sie schutzlos fürderhin als Verfemte aussetzen? Seinen eigenen Ehrgeiz der Zivilcourage opfern? Kann man politische Strategie hinter künstlerischem Selbstgefälligkeit verstecken oder stellt sich die Frage erneut und anders: Warum wird die Kunst ( nämlich das Produkt eines zum Künstler ausersehenen Menschen) mit seinem Charakter verglichen, und - unverzeihlich - sogar gleichgestellt? Wollten wir das Leben und die Lebensart, die charakterlichen Unzulänglichkeiten aller großen Dichter, Musiker, Maler usw. in den Vergleich zu ihrem Schaffen stellen? Was würde uns an Kostbarem genommen!

Nun, ein System von innen her zu bekämpfen mit den Mitteln, des Theaterspiel s, findet hier ( und nicht nur hier) seine Grenzen! (Wir erlebten es jetzt bei einem Gastspiel des BE im Iran). Das also allein kann der Vorwurf nicht sein, den man hier vor allem einem Künstler aufdrückt, der sich ja im richtigen Leben durchaus dem Machthabern ebenso widersetze, wenn es um seine Schauspieler ging, aber sich auch in seiner Eitelkeit zu präsentieren wußte! - und der wie Phönix aus der Asche, die er auf sein Haupt mit großer Schauspiel-Geste eben noch zu streuen wusste - nun sich wiederum (nach dem Krieg) der Intendanz eines Schauspielhauses stellte!

Das Grundproblem wird hier ohne persönliche Diffamierung, ohne Urteil und Vorurteil angepackt, und das läßt das Stück weit über die eine Diktatur hinaus schwingen. Indem mit Hilfe von Filmprojektionen auf mehreren Ebenen gespielt wird, die sich aber alle wieder zu einem einzigen großen Menschheitsdrama formen, ergibt sich so etwas wie ein universaler Blickpunkt auf die unterschiedlichen Schicksale, Charakterzüge und Verhaltensweisen. Da ist die große zärtliche Schauspielerin Rebecca Fuchs, engste Partnerin von Kurt Köpler, Jüdin, die nach der ersten Attacke des Schauspielkollegen Niklas Weber sofort in die USA flieht, wo sie Armut und Bedeutungslosigkeit erwarten. Sanft und liebevoll, um den Freunden daheim nicht wehzutun, überspielt dies Fritzi Haberlandt in ihrer gewohnt mädchenhaft anrührenden Art; Rebeccas Briefe an Köpler sind eine einzige Unwahrheit, mit der sie den Freuend zu täuschen und zu trösten versucht. Der sieht, egoman und egozentrisch, nicht die Trauer und das Leid, die sich dahinter verbergen.
Mit brutaler Parteitreue, mit der Peter Moltzen den Schauspieler Niklas Weber zeichnet, läßt, wie auch seine spätere Darstellung des Propagandaministers Goebbels (genannt: der Hinkende)  die Bedrohungen für die bis dato sich sicher im Schoß ihre Muse wähnenden Schauspielerinnen Angela und Nicole deutlich werden. Lina Lindenhoff, minder begabt vielleicht, aber sicher geführt (drangsaliert) von ihrem mächtigen Geliebten, braucht sich nicht zu verbiegen; sie glaubt an das, was Führer und Führungsclique dem Volk erfolgreich einzuhämmern versuchen; sie ist kein Opfer, sondern Gläubige; und mit ihrer Zartheit und Schwäche kann Anja Schneider  ihre hilflose Abhängigkeit vorzüglich verdeutlichen. Hier müsste der Fokus sich an das vom Biss der Spinne gelähmte Opfer richten.

Mit den vielen Einspielungen und nebeneinander laufenden Texten aus zahlreichen Dramen der Weltliteratur, mit den unterschiedlichen Rollen, in die Köpler vor allem, aber auch die Frauen sich hingebungsvoll, leidend und überzeugend darstellen, stellt diese Inszenierung eine hohe Anforderung an das Publikum; und es wird vielleicht allen deutlich, wie machtlos letztendlich der Geist gegen die Attacken der Skrupellosigkeit ist, wie wenig Worte und ihre Gestaltwerdung als Schutz gegen Folter und Krieg, gegen Machtstreben und Ehrgeiz auszurichten vermögen, wenn Ideologien und Ideale missbraucht werden.  A.H.