Molière

vier Stücke
von Zaimoglu, Senkel und Perceval

 

 

Schnee, der auf

menschlichen Müll fällt

 


Schaubühne
am Lehniner Platz

 Der Menschenfeind, Don Juan, Der Geiziger, Tartuffe

Regie: Luc Perceval, Bühne: Katrin Brack; Kostümne: Ilse Vandenbussche; Musik: Laurent Simonetti, Dramaturgie: Maja Zade; Licht: Mark Van Denesse

mit: Thomas Bading, Christina Geiße, Horst Hiemer, Ulrich Hoppe, Katrin Neuhäuser, Felix Römer, Kay Bartholomäus Schulze, Stefan Stern, Thomas Thieme, Patrycia Ziolkowska

 

 

 
 
Man muss diese Inszenierung nicht repetieren - es wäre wirklich zuviel der Ehre für eine vokale Schlammschlacht im tiefsten Pfuhl der Obszönitäten. Tiefer kann kein Mensch, der sich als Molière'sche Figur selbst verhöhnt und in den tiefsten Abgründen existenzieller Verkommenheit, sich selbst bemitleidend noch, versinkt.

"Worte zerstören, wo sie nicht hingehören", besang einst die Popikone der 60er Jahre, die schöne jüdische Sängerin Dalia Lavi, die Vernichtung aller Liebe durch unpassende Bemerkungen. Der Flame Luc Perceval, einstmals hoch gepriesen für seine "Schlachten-Inszenierung" mit Thieme als Unmensch Richard III. auf und in der Schaubühne, hat zusammen mit zwei weiteren Sprachschindern, nämlich Feridun Zaimoglu und Günter Senkel, die geistreichen und klassisch schönen satirischen Theaterstücke des großen französischen Dichters Molière auf das Niveau der absoluten Geilheit gesenkt, und hierfür derart zotige Primitivreime ersonnen, das sie einen verlausten Straßenköter zum Jaulen brächten.

Man weiß spätestens seit der Kopulations-, Vergewaltigungs- und Mordkomödie "Turistica", was einem als Zuschauer blüht, wenn Perceval sich als sexbesessener Regisseur geriert. Das es lauter faule Früchtchen sind, die da wie ein Albtraum vom Baum impotenter Gossenpoeten herunterfallen, hat man dann aber doch nicht erwartet. Jean Baptiste Molière, der sich laut Schaubühnen-Info in all seinen Stücken als selbiger Protagonist versteht, und dessen schreckliches Schicksal es da ist, als Menschenfeind, als Don Juan, als Geiziger und als dummgläubiger Tartuffe sein innerstes Wesen gleichsam animalisch zu offenbaren, wird hier von Thomas Thieme in fleischlicher Wollust und Qual bis zum Exzess verheizt, der den Frauen stets nachgeifert und, wenn es nicht so recht mit dem Sex klappt, den er lüstern wie Mephisto in der Walpurgisnacht mit Liebe verwechselt, auch schon mal dem eigenen Körper Gewalt antut. Außer dem sich am und mit dem Mikro windenden Thieme winden sich auf Sockeln im weiten leeren Raum allerlei albern hingeworfene Figürchen aus dem absurden Welttheater, ein Panoptikum der Dümmlichkeit. Die Damen präsentieren sich als Nutten, einige Männer als einfältige Schwule, ansonsten erinnern unglückliche Gestalten nur vage an die Vitalität und Präsenz von Figuren aus eben jenen Stücken. So sind es lauter hohle und vulgäre Einfälle, widerwärtige Hass-Attacken gegen Gott und die Liebe, die sich in dieser von ständig rieselndem Bühnenschnee befallenen Erdenkälte ihre Zuhörer suchen, die dann auch dankbar (oder verlegen?) ins Lachen abgleiten, wo eher das Gegenteil angebracht wäre!

Dass bei so genannten modernen Regisseuren die Scham- und Schmerzgrenze längst überschritten ist, jegliches Gefühl für menschliche Würde (und dazu zählen doch auch Schauspieler oder?) abhanden gekommen und jedes Gespür für die Kunst der Sprache, die Feinheiten des Verschweigens und des Nicht-Zeigens sowie u.a.   Hingabe und Gefühl verweigert und abgetötet worden sind, verwundert eigentlich nicht. Denn wo derart brutal gehobelt wird, da fallen Späne zu Hauf, und, wie hier, massenweise Bühnenflocken, die hoffentlich all den angesammelten Inszenierungschutt eines Tages unter sich begraben werden. A.C.