Moshammeroper

von
Bruno Nelissen und Ralph Hammerthaler

 

Epilog auf einen Phantasten

 


Gewinner des Berliner Opernpreises 2006

Neuköllner Oper

Musikalische Leitung: Frank Zacher/Roland Vieweg; Inszenierung: Robert Lehmeier;;Bühne: Markus Meyer; Kostüm: Amanda Freyer

mit: Hubert Wild (Ludwig, Herrenschneider); Friederike Harmsen ( Präsidentin einer Tischgesellschaft); Leigh Adoff (Klatschkolumnistin); Regine Gebhard (Wahrsagerin, Mutter); Markus Vollberg (Fußgänger, Vater, Kunde, Mörder)
 

 

 

 
 
Rudolph Moshammer, ein Promi der Münchener Schicki-Micki-Szene, Herrenschneider, homosexuell, stets gewandet wie ein Zigeunerbaron, darstellungsbedürftig und unumstrittener Narr der Amüsier-Gesellschaft, wurde im Januar 2005 von einem 26 Jahre alten Iraker mit einem Elektrokabel erdrosselt. Der tragische Tod ließ ein Schicksal im Aufschrei der Öffentlichkeit verglühen, die mit Rudolph Moshammer ihren amüsanten Mittelpunkt verlor; sein Tod erschien so bizarr wie das Leben dieses skurrilen Millionärs, der ein bisschen an Salvadore Dalí erinnerte, ein vielseitiger Künstler sicherlich, aber ein Lebenskünstler nur auf begrenzte Zeit.

Jetzt haben Bruno Nelissen und Ralph Hammerthaler einen kleinen, vorsichtig verfassten Epilog geschrieben, der sich auf einem gewundenen roten Laufsteg im großen Saal der Neuköllner Oper abspielt. An drei Seiten vom Publikum eingerahmt, an dem einen Ende von einem kravattenflankierten Himmelbett-Käfig, am anderen von einer weiten hellen Bühne begrenzt, auf der ein Ankleidespiegel und ein sargähnlicher schwarzer Kasten als Dekoration dienen. Inmitten des Saals intoniert ein kleines Ensemble mit zwei Violinen, einer Bratsche, einem Cello und einer Trompete eine sehr atonale, sehr aufreibende, aber zuweilen auch verhalten zärtliche Komposition, die allerdings nicht jedermanns Erwartung an diesen Abend entspricht. Dazwischen werden Passagen auf Syntheziser eingespielt, die auf die sich ankündigenden (oder rückgeblendeten) Ereignisse einstimmen.

Aber was kündigt sich da eigentlich an, was spielt sich da ab zwischen Bühne und Schlafgemach oder am Sekttisch der Prada-Models? Man versteht, wie meistens in modernen Opern, beinahe keinen Text und wird höchst beeindruckend von hohen, spitzen Schreien und tiefen Kehlen umspielt. Hubert Wild schillert als Moshammer ganz in Grün und mit Brokat umhüllt, doch gibt er die ganzen Dimensionen dieses begabten Partykönigs nicht wider. Hier ist er ein großer, schlanker, attraktiver Mann mit Stoffhündchen und Geckenschnurrbart. Sein kräftiger Bariton klingt tieftraurig und irgendwie hilflos, was ihm eine beabsichtigte Aura von Einsamkeit und innerer Sehnsucht verleiht. Er ist ein hilfloser Pfau, ein Spielball nur in einer Umgebung, der er als Belustigung, als Exot diente; als seine Zeit vorbei ist, trauert sie öffentlichkeitswirksam kurz um ihren traurigen Phantasten, der sich selbst so wirksam zu inszenieren verstand. Dann beginnt sehr schnell die Suche nach einem neuen Glanzlicht, in dessen Glamour man gleißen kann...

Markus Vollberg, hier Partner und Gegenspieler, stellt sich als ein kleiner, muskulöser Mann in Rüschenhemd und Schlangenhautjeans und mit umwerfend spielerischen Temperament ebenso unheimlich wie brutal dar, der keinen Zweifel an seiner Macht und Kraft in den verschiedenen Rollen aufkommen läßt, die er personifizieren soll. Aber man weiß nicht so recht, wen er nun eigentlich stets darzustellen versucht. Die Damen als Vertreterinnen einer sensationslüsternen Öffentlichkeit gerieren sich zuweilen als Kläffer auf den Spuren ihres Herrn, vertreiben sich juchzend und kreischend die Zeit zwischen Einkauf und Stadtklatsch, lagern sich neugierig vor des Narren Schlafgemach und kreischen entsetzt in höchsten Tönen, als sie des grausigen Mordes gewahr werden. Doch die Geschichte, die man hätte schreiben können, wartet wohl noch in der Schublade. Denn von dem Menschen Moshammer erfahren wir nur wenig, wie er lebte, was er trieb, was er schrieb, wie und was er spielte - und auch der anschließende Prozess, in dem sein Mörder überführt und zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, bleibt im Internet nachzulesen. Nichts davon auf der Bühne. Kurz: es fehlt die Story; Das Drama eines Lebens hat sich zu einem kleinen, unbedeutenden Spielchen zusammengerollt. 

Wer vielleicht eine tragende Rolle spielen könnte, wenn sie denn dürfte, wäre Regine Gebhardt, deren Seriosität man zur Zeit besser im Renaissance-Theater wahrnehmen kann, wo sie mit einer musikalisch literarischen Hommage an Mascha Kaléko "Du hörtest mein Gras wachsen" in der Regie von Michael Hoffmann gastiert. In der Neuköllner Oper flattert sie als Engel in wallendem Gewand oder schleppt sich als Wahrsagerin im Trenchcoat und mit Einkaufstüten beschwert, über den Laufsteg, Unheilvolles verkündend. A.C.