|
Moskauer Eis von Annett Gröschner Romanbearbeitung |
Die Kinder, die aus der Kälte kamen
|
|
|
Für
das Theater bearbeitet von Annett Gröschner und Ralf Fiedler
Regie:Sascha Bunge Bühne: Ulrike Siegrist Kostüme: Dorothee Scheiffarth Video: Constanze Fischbeck Dramaturgie: Stefanie Gottfried mit: Danielle Schneider als Annja Kobe;
Cornelia Schmaus als Elsa Kobe, Uwe Preuß als Klaus Kobe, Wolfgang
Hosfeld als Paul Kobe, Grit Riemer in verschiedenen Rollen und Thomas
Müller als Jan (Video). Kurzbeschreibung Üblicherweise sieht der Besucher ein Theaterstück, ohne vorherige Lektüre., daher auch unvoreingenommen für alles, was ihm vom ersten Wort an geboten wird. Hier wird der DDR-Erfindungs- und Größenwahn in der Geschichte eines Kältetechnikers gezeigt, der an das Große, Einzigartige der Wissenschaft glaubt und somit auch konsequent in den Kältetod geht. Die andere Geschichte: Wie seine Tochter, arbeitslos nach der Wiedervereinigung!, aus Berlin nach Magdeburg kommt, um die Großmutter zu betreuen und dabei mit ihrer persönlichen, familiären Vergangenheit und mit der Wirtschaftspolitik der alten DDR konfrontiert wird. Das alles ist ein bisschen wirr nebeneinandergestellt, aber hervorragend gespielt. Nach dem Besuch sollte man zum besseren Verständnis der story das Buch lesen!
|
Mit
"Eiszeit" beginnt das Gorki-Studio rückwärts blickend eine Reihe von Stücken
aus den Jahren 1990 bis 1949, rückwärtsblickend, die von bekannten und
unbekannten Autoren der DDR geschrieben wurden - für die Bühnen oder
für die Schublade. Jedenfalls soll zuviel Material wie möglich aus den Archiven
hervorgezogen werden, um Jahr für Jahr ein Stückchen DDR-Alltag präsent werden
zu lassen. Den Anfang macht eine sehr junge Autorin, die ihren im Jahr 2000
erschienenen Roman für das Theater bearbeitet hat und das zum Teil
höchst vergnüglich ist, obwohl nicht alle Handlungsabläufe, die in
drei Zeiten vor- und zurückgespult werden, jeweils einsichtig und
verständlich sind. Hinzu kommt ein viel zu weiträumiger Bühnenraum, der
das Spiel unnötig in die Länge zieht. Dafür sitzen die Zuschauer wie
leider so oft in letzter Zeit eng und unbequem auf Bänken an der Wand und
halten sich tapfer gerade. Auch das Programmheft ist reichlich dünn und
wiederholt nur Klischeevorstellungen von den ehemaligen Ostbürgern, die
noch immer unter den veränderten, oftmals bitteren Anforderungen, die
eine kapitalistische Wirtschaft an die Menschen stellt, verzweifeln.
Manch einer hat Arbeit und Wohnstatt, Heimat und
(Partei?)-Orientierung verloren, und ihm wird zugemutet, sich einen Arbeitsplatz im
fernen Stuttgart zu suchen... Das hat nun leider alles nichts mit diesem interessanten Stück zu tun,
das nicht nur ausgezeichnet gespielt wird, sondern auch einen Inhalt zum
Nachdenken anbietet. Und deshalb sollte man unbedingt Annett Gröschners
Roman anschließend lesen - und mehr als ein Exemplar im Vorraum des
Theaters vorrätig haben! Da taucht aus dem Dunkel das dick vermummte Mädchen Annja Kobe auf, um
seine geistig verwirrte Großmutter aus dem Krankenhaus abzuholen. "Hier
kann sie nicht bleiben, bringen sie die alte Frau in ein Pflegeheim"
sagt die kühle Ärztin (Grit Riemer zeigt viele Seiten ihres
schauspielerischen Repertoires - u.a.
als Nachbarin, Verkaufsstellenleiterin, Milchladenbesitzerin, Assistentin im Kälteinstitut, Stasi-Mitarbeiterin)
und lässt das junge Mädchen allein mit der zornig-verstörten
alten Frau. Wie Danielle Schneider fortan dieses Mädchen Annja
wechselnd zwischen Härte und liebevoller Hingabe zur
alten Großmutter, verständnislosem Erschrecken und verzweifeltem Kampf pendelt
und um ihr physikalisches und chemisches Grundwissen bemüht, und wie
sie zugleich versucht, sich im Labyrinth der gesellschaftlichen und
persönlichen Unwahrheiten in der DDR und in ihrer
Familie zurechtzufinden, ist ein wunderbares Lehrstück für alle angehenden Schauspielerinnen (und DDR-Nostalgiker!) Dass sich Verzweiflung aber auch leise, verhalten ausdrücken lässt,
dass Sätze (und deren Inhalte) an Intensität gewinnen, wenn sie langsam
gesprochen werden - so wie ein Knäuel Garn sich entwirrt - das
wiederum lehrt Cornelia Schmaus als Großmutter, die voller Tücke
und Bösartigkeit steckt, von der Last eines betrogenen Lebens gezeichnet ist.
Beinahe sanft agiert Uwe Preuß als Vater, ein überaus korrekter
Wissenschaftler, der zutiefst an die Aufgabe und den Fortschritt der Kältetechnik glaubt
- zum Wohl von Volk und Vaterland. Und selbst als
das Kühlsystem zusammenbricht und alle Versorgung auf den Stand
zurückfällt, in dem man die segensreichen Begleiterscheinungen
von Tiefkühllagerung und Tiefkühlkost noch nicht kannte und
als er, der hochkarätige Wissenschaftler, zum Eisverkäufer degradiert wird, ja selbst, als
es nicht einmal mehr die notwendige Milch für die Eisherstellung gibt und
man auf Margarine ausweicht, da glaubt er noch an das, was einst
als Fortschritt verkündet wurde. Dieser Klaus Kobe ist ein
liebevoller, herzensguter, gutgläubiger Vater, aber ebenso ein leidenschaftlicher
Wissenschaftler, der in diesen, seinen engen Kokon eingehüllt, die Welt außerhalb nicht mehr sieht, wie sie ist. Das Verdienst von Darstellern und Regisseur liegt darin, die
unvorstellbare Selbstüberschätzung und Wirklichkeitsverneinung, die das
DDR- Regime einst zum unerbittlichen Despoten machte, mit Witz und Charme
zu präsentieren. Natürlich bleibt eine traurige Grundstimmung; denn wer
sieht schon gern seinen Vater - entgegen allen Gesetzmäßigkeiten- in
der Tiefkühltruhe liegen, die Großmutter als nervendes geistiges Wrack
in der Wohnung wandeln; wer lässt sich gern den Großvater in
memoriam als Schwerenöter entlarven und die Mutter als Familien- und
Republikflüchtige? Dazu bereitet Annjas Freund Jan ihr nicht nur schöne Stunden,
was so nebenbei, aber ziemlich eindeutig per Video rüberkommt, sondern
er schlägt sie auch ziemlich brutal zusammen- als Olympia-Schwimmer
von einem Leistungssystem ( früher wie heute) geprägt, das keine emotionalen Belastungen zuläst. Aber so verwirt die Großmutter auch ist, kurz bevor sie das Zeitliche
segnet, sozusagen in einer letzten klaren Aufwallung erkennt sie (grandiose Szene
von Cornelia Schmaus!), was die Menschen nach wie vor lähmt: Sie haben
nur gelernt, zu warten, immer und auf irgendetwas, auf Gutes, Schreckliches,
Wunder und Wahrheit, und jetzt fällt es ihnen schwer, vom Wartestand
in eigene Aktivität zu wechseln. Die Zeit ist für viele wie eine
rasende Maschine, auf die sie nicht mehr aufzuspringen vermögen. Das alles sind Aspekte, die den Nachteil haben, dass sie in
einem dramaturgisch bearbeiteten Roman leider nur angedeutet werden können. A.C. |