Mucksmäuschenstill

von 
Nico Rabenald

Uraufführung

 

Selbstjustiz und ihre Folgen

 

   

  Maxim Gorki Studio

Nach dem gleichnamigen Drehbuch von Jan Henrik Stahlberg

Regie: Volker König

Bühne: Halina Kratochwil
Kostüme: Hanne Günther
Video: Petra Zöpnek
Dramaturgie: Gesine Schmidt

mit:
Ingolf Müller-Beck; Silvio Hildebrandt; Wilfried Hochholdinger; Tom Seidel; Joachim Witt; Julia Philippi;Heide Simon; Claudia Ohse

 

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Was wäre wenn... Nico Rabenald treibt ein bösartiges Spiel mit einem Gedanken, der sicher jeden schon einmal versucht hat: Wie ließen sich so allerlei Missstände, zum Himmel schreiende Ungerechtigkeiten, Pornografie, sexueller Missbrauch, Diebstahl, kurz, alle Gesetzesübertretungen, sowie der Mangel an Gemeinschaftsgeist und damit an gesellschaftlicher Verantwortung - wie ließen sich all diese Schwächen in unserer Schicksalsgemeinschaft revidieren, verändern, ausmerzen - wenn wir die Macht dazu hätten?

Herr Mux nimmt sich einfach diese Macht. Er ist ein Phantast, ein Ideologe, ein selbsternannter Wächter der verlorenen Tugenden, ein Polizist, ein Psychopath. Wirr und von gänsehautüberrieselnder Freundlichkeit, gefährlich, doch gut getarnt durch ehrliches Bemühen des Gutmenschen, der diese Übel ausrotten will und zwar mit Stumpf und Stil. Er stellt einen arbeitslosen Außenseiter ein, der devot und abhängig sein wird. Unfähig sein Selbstwertgefühl zu finden, geschweige denn, es zu behaupten, ist er der geborene Vasall alljeglicher Machtmenschen. Silvio Hildebrandt ist dieser zuckende, dienernde, rückratslose Gerd, der, endlich irgendwo und bei irgendwem aufgehoben, alles für seinen Chef tun würde. Und dieser Mux hat Gerd ausgewählt, weil er jemanden braucht, der ihm vorbehaltlos zu willen ist.
Mux (Ingolf Müller-Beck) lässt von Anfang an keinen Zweifel an seiner irren Vision, das Übel an der Wurzel ausrotten zu können. Doch zeigen seine emotionalen Ausfälle, die seinem überstrapaziertem Hirn entspringen, und die Gnadenlosigkeit, mit der noch jeder Weltverbesserer zu Werke gegangen ist, dass er seine nur schwer verdeckten, gefährlichen Aggressionen kaum wird im Zaum halten können. Er gerät ins Schwitzen, in Rage, zumeist gelingt es ihm erst im letzten Moment, von Gewalttätigkeit Abstand zu nehmen. Dafür hat er seine Leute. Diese hält er zwar zu Milde und Nachsicht, zu Höflichkeit und Rücksichtnahme an- doch glaubt man dieser Theorie nicht lange. Er lässt den einstigen "Knacki" Dennis strammstehen und mit Hilfe der Mitarbeiterin Claudia vorführen, wie er eine Kaufhausdiebin entlarvt. Er wird sie misshandeln, ihre Einkäufe zertreten und sie demütigen. Das ist die Perversion. Mux weist auf Höflichkeit hin und duldet Grobschlächtigkeit, er tarnt sein Vorgehen als soziale Tat und wird Gewalt nicht verhindern. Tom Seidel grunzt den Dennis mit tiefer Stimme, sicht- und hörbar geistig zurückgeblieben, ein brutaler Täter und Tugendwächter, der Denunziation als Aufklärung tarnt und sich zwischen Turnübungen und Käsekuchen als biederer Bürger ausgibt.  

Mux hat "stimmige" Verfahren entwickelt, wie er unliebsamen Mitbürgern mores lehrt. Björn, dem "schnellen" und "rücksichtlosen"Autofahrer, wird einfach das Lenkrad abmontiert. Gegen eine hohe Geldbuße wird er es, vielleicht, wiedererhalten. Man geht nicht gerade sanft mit ihm um, als er protestiert. Und auch Frau Sabetzki, zu einer große Anhängerin der rabiaten Methoden des Herrn Mux geworden, muss sich zunächst so einiges an Unfreundlichkeiten gefallen lassen, bevor sie in den perversen Kreis der Mitarbeiter aufgenommen wird, der auffällige Bürger recht drastisch zu bekehren versteht!
Endgültig offenkundig wird die Gefahr, die von Mux ausgeht, als er die Tramperin Kira aufliest und fürderhin als engelhafte Muse realitätsfern vergöttert. Hektisch und unaufhörlich, erbarmungslos und fanatisch von seiner Mission erfüllt, gründet er für seine "Gesellschaft für Gemeinsinnpflege" in jeder Stadt eine Niederlassung, stellt einen PR-Mann ein, vermehrt das willige Helferpersonal, von niemandem gestoppt, von keiner Staatsmacht behindert. -  
 Furcht zieht auf, dass in diesem Land bald jedermann sein Opfer werden könnte. Nicht nur der widerwärtige Herr Straßmann, der sich Videos von Kinderpornoaufnahmen beschafft und von Mux' Rächern  zu Tode gefoltert wird, auch jeder harmlose Bürger, dessen Handeln irgendeiner Verhaltensvorstellung des irren Herrn Mux und seiner Leute nicht entspräche, wäre seines Lebens bald nicht mehr sicher... (Die Anspielungen auf Hitler, seine Helfershelfer, auf Despoten, Diktatoren, wahnsinnige Machthaber in aller Welt sind offenkundig)
Müller-Beck zeigt den Psychopathen hinter der Maske der Menschenfreundlichkeit, doch seine Leute - als streetworker getarnt -durchschauen das Spiel nicht, weil es ihrer eigenen Minderwertigkeit zu Größe verhilft! Nur die in seiner blinden Verehrung hilflos gefangene Kira - von Julia Philippi wirklich reizend und naiv-durchtrieben gespielt - könnte Mux vielleicht in die Wirklichkeit zurückholen, wenn er es denn zuließe. Als seine keusche Verehrung für das Mädchen jäh ein Erwachen erfährt, ist es vorbei. Der Wahnsinn fordert seine Opfer.

Aufatmend können wir nach diesem beklemmenden Spiel konstatieren:  Irgendwann in diesem Stück fiel der Kant'sche Satz vom kategorischen Imperativ als mögliche moralische Richtlinie an jeden einzelnen. Und glücklicherweise werden Unzulänglichkeiten und Straftaten in unserer Gesellschaft weiterhin nach demokratischen Gesetzen geahndet, niemals perfekt, aber in bester Absicht. Wir sollten höllisch darauf achten, dass dies so bleibt. A.C.