Nach dem Kuss

von

Oliver Bukowski
 

 

 

Rolltreppe abwärts - unten angekommen

    Uraufführung

  Theater`89

Musik: Jörg Huke
Regie: Hans Joachim Frank
Bühne und Kostüme: Annette Braun
Dramaturgie: Jörg Mihan

mit: Vera Seemann - Jule; Matthias Zahlbaum - Robbi; Thomas Oötzsch - Dieter; Simone Frost - Alexa; Andre Zimmermann - Andy; Bernhard Geffke - Röpenack; Angelika Perdelwitz - seine Frau Heike; Johannes Achtelik - Maj-Hajo; Sonja Hilberger: Reni, seine Tochter; Marina Derxen: Bajan

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  Oliver Bukowski, gebürtig in Cottbus, Wahlberliner und Hausautor dieses Theaters, sammelt seine Eindrücke in einschlägigen Kiezkneipen, in denen er sich - wie er in einem Interview bekannte - zuhause und zugehörig fühlt. In dem Kiez, den er bevorzugt, wimmelt es von Pennern, Arbeitslosen, Alkoholikern und anderen verkrachten Existenzen. Einzig ein bürgerliches Ehepaar, das den anderen armen Teufeln an Rohheit und Leere in nichts nachsteht, wird in dieses bunte Allerlei von asozialen Typen eingebunden, die allerdings jemanden gefunden haben, der sozial noch unter ihnen steht: Zwei russische Dirnen, die eine liebreizend und vulgär, die andere rüde und vulgär, die beide mühsam Deutsch lernen, und sich mit den Zuhälterverhältnissen hier vertraut zu machen versuchen. Das alles zu einer heftig gärenden Mixtur gerührt, manchmal mit Humor, manchmal mit Charme und ganz selten auch mit einer geistreich-witzigen Wortspielerei, bei der man Bukowski seine Kenntnisse klassischer Dramatiker anmerkt. Meistens aber bemüht er sich, das Sprachmilieu seiner Freunde nicht verlassen, dass den Schauspielern nicht viel Variationen übrig läßt und sie dementsprechend beleuchtet

Die Geschichte ist schnell erzählt, wenn auch nicht erfasst: Der Arbeits- und Mittellose Robbi feiert seinen 30. Geburtstag in seiner Stammkneipe, in der seine Freundin und Wirtstocher Reni  kellnert. Seine Kumpels schenken ihm eine Überraschung: Die Russin Jule singt und tanzt für ihn - eigentlich sollte sie ja wie Venus aus einer Torte daherkommen, aber das war dann doch zu kostspielig. Robbi verliebt sich trotz seines Suffs Hals über Kopf und äußerst heftig in die   hübsche Russin, und bringt damit die abgeschobene Reni zur gefährlichen Raserei... Wenn man Sonja Hilberger bei den Vaganten in die Rolle der Penthesilea stecken würde, wäre sie dort goldrichtig: Eine rasend Liebende, die ohne Skrupel, ohne Scheu, archaisch wild gnadenlos zuschlagen würde - zubeißen, wäre da wohl der richtige Ausdruck. Hier aber wirken ihre Wutattacken übermäßig hysterisch und unlogisch. Schließlich weiß sie ja wohl, in welch einer unzuverlässigen Gesellschaft sie sich befindet! Dass Moral und irgendwelche Wertvorstellungen wie Treue, Verantwortung und Charakter Fremdwörter sind. Dass Robbi ein großer kräftiger, harmlos mit den Augen rollender und durch das Zimmer tapsender Bär ist, ändert nichts an der müden Slapstickweise, mit der sich das Geschehen von Bild zu Bild robbt. Seine beiden Freunde sind seltsame Typen, Dieter spielt den lonesome Cowboy und ist ein echter Kumpel, der mit Robbi den leeren Kühlschrank und das letzte Bier teilt - der andere, Andy, ein vergammelter Looser, der sich selbst und die Gesellschaft, in der er lebt, abgrundtief verachtet, der er aber in seiner Antriebsschwäche nicht entweichen kann. Dafür wird er sich später bitter rächen... Der Wirt Majo-Hajo, zumeist mit mit nacktem Oberkörper - offensichtlich herrschen in seiner Kneipe stets sommerliche Temperaturen - hat den textlich gepflegtesten Part und bleibt daher eigentlich ziemlich gesichtslos.

Für die kleine Russin und ihre martialische Schwester bleibt die Aufgabe, darzustellen, wie die armen Frauen von einer Unterdrückung in die nächste geschlittert sind und wie sie sich in diesem sozialen Untergrund behaupten. Jules Liebe zu dem Penner Robbi ist - sollte man wirklich Romeo und Julia zum Vergleich heranziehen - jedenfalls ein tragischer Fall, auch wenn er zunächst noch so glücklich aussieht. Immerhin inspiriert deren verzückte Liebe das abgeschlaffte Ehepaar Röpenack zu einer Auffrischung ihrer zerfetzten Beziehung, und sie spielen sich laut und heftig, aber mit Bravour in den Mittelpunkt und Vordergrund der Geschichte. Ihre Ausfälle sind hart, ihre verbalen Kämpfe erinnern an "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" und ihre Versöhnung an Shakespeare "Der Widerspenstigen Zähmung". Das ist eine überzeugende, wenn auch eine horrende Klischeedarstellung einer Ehe in kleinen Verhältnissen. Dann spielt da noch eine rundliche Mamuschka sehr schön auf dem Akkordeon, und Robbi zeigt sich sogar als Sänger und Gitarrenkünstler - das wäre doch was! Wie die temperamentvolle kleine Jule ihn in die Knie zwingt (also des Mannes Zähmung ) ist hübsch aufregend, wenn auch durch das Geschrei nicht immer ganz verständlich.

Alles in allem aber ein ziemliches Durcheinander von teilweise aparten Einfällen und Milieuskizzen - man sollte den Text noch einmal überarbeiten, damit ein schlüssiges Theaterstück daraus wird. A.C.