Ritter, Dene, Voss

von Thomas Bernhard

 

 Im Gefängnis der Vergangenheit

 

 
Berliner Ensemble

  Die Inszenierung der Salzburger Uraufführung 1986

Mit 
Kirsten Dene: ältere Schwester; Ilse Ritter: jüngere Schwester: Gert Voss: Ludwig

Inszenierung: Claus Peymann; Bühnenbild und Kostüme: Karl-Ernst Herrmann; Dramaturgie: Vera Sturm

 

Kurze Beschreibung:

Thomas Bernhard hat sein Stück, das den geistigen Untergang dreier Geschwister aus einer österreichischen Familie beschreibt, für diese drei Schauspieler geschrieben und es nach ihnen benannt. Hier wird viel gesprochen, so schön wie selten deklamiert und außergewöhnlich leidenschaftlich gespielt, um aufzudecken, wie sich drei Menschen gegenseitig ihr Leben ruinieren. Der Autor schürt in Gestalt des geisteskranken Ludwig seinen liebgewordenen Hass auf vermögendes Großbürgertum, unfähige Mediziner, einseitige Musikliebhaber, malende Scharlatane und wahnsinnige Philosophen und nimmt Anleihe bei dem russischen Kollegen Anton Tschechow.

 

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Der erste Akt entrollt den Hintergrund: Zwei ältere Damen, Schwestern, in einem düsteren Speisezimmer, das, wie sie selbst irgendwie aus einer längst vergangenen Zeit übrig geblieben ist; sie diskutieren, ob es richtig war, den kranken Bruder zum wiederholten Male aus der Anstalt nach Hause zu bringen. Die jüngere, schmal, blass, inaktiv, eröffnet das gezielte Feuer auf die ältere Schwester, die an allem - Haushalt, Gewohnheiten, Lebensführung - seit 30 Jahren unverrückbar festhält. Das sich gefährlich an psychischen Abgründen bewegende Geplänkel der beiden erinnert stark an Tschechows berühmte "Drei Schwestern", deren vergeudetes Leben in trostloser Langeweile endet. So wie sie sich "nach Moskau" sehnten, ist hier Rom der nie mehr zu verwirklichende Traum. Das seit Jahrzehnten unausgefüllt verlebte Leben wird keinen Hauch an Vitalität mehr erfahren. Bleibt der kranke, wahnhafte Bruder als Er-Lösung, an den sich beide klammern. Er wird ihrem monotonen Dasein ein bisschen Inhalt geben. Noch ist er nicht anwesend, da hat der Kampf der Schwestern um seine Zuneigung bereits heftige Ausmaße angenommen. Sie spielen ihre Rollen gut und glaubwürdig, hatten sie doch dann und wann in ihrem Leben als "nicht untalentierte Schauspielerinnen" einen kleinen Bühnenauftritt, zumal ihr Erbe ihnen die Mehrheit am Theater in der Josefstadt sichert. Da ist schon mancher Hieb für insider verborgen - denn das Josefstadttheater ist nun nicht gerade das Lieblingstheater des gesellschaftskritischen Autors, dem alles Bürgerliche und Volkstümliche höchst suspekt ist.

Nach dem doch ziemlich langen ersten Akt, der gut einige Kürzungen vertragen könnte, als der Kampf der beiden Schwestern und die Skurrilität des Bruders und des Direktors seiner Klinik ziemlich schnell offenbar wird, platzt tatsächlich eine Bombe: Mit dem Auftritt von Ludwig ist plötzlich das Leben in das von der Außenwelt durch bleiverglaste Fenster und Türen gut abgeschirmte Jugendstilzimmer zurückgekehrt. Wie ein Hurrikan fegt und wütet Gert Voss durch Gegenwart und Vergangenheit, und würde, das ist offensichtlich, wenn er könnte, alles, was an die schreckliche Jugendzeit erinnert, aus den kostbaren Fenstern werfen. Aber weil dies nicht funktioniert und niemals funktionierte, ist er wohl verrückt geworden. Denn alles ist noch immer unverrückbar; die Schwestern wachen wie Schicksalsgöttinnen - jede auf ihre Art - über diese Vergangenheit, die keine Gegenwart zulässt: Innerlich wie äußerlich bleibt alles an seinem Platz: Vitrine, Uhr, Tisch, Habitus, Speisefolge und Sitzordnung. Auch der alte Hausarzt ist derselbe geblieben.

Und so geht es durch Mark und Bein, wenn Voss nach dem Sinn seines Lebens schreit, wenn er wie der renitente Zappelphilipp das Tischtuch samt Porzellan vom Tische reißt, die schweren dunklen Bilder von der Wand hakelt, um sie am Ende bei tosender Musik, die ihn von den Schatten der Vergangenheit befreit, verkehrt herum aufzuhängen. Jetzt sind die Schwestern nur mehr Staffage, wenngleich noch immer vollkommen ausgeleuchtete Charaktere. Dene und Ritter flankieren Voss grandios, der den Wahnsinn Ludwigs zunächst als lebenslänglich angestaute Aggression gegen Unfreiheit, Unterdrückung, Unfähigkeit und Hoffnungslosigkeit auslebt. Aber dann wird doch wieder das Krankhafte seines einst genialen Hirns deutlich. Mit Penetranz und Heftigkeit gleitet die Wut des Kranken ab, unkontrolliert, unreflektiert, unmäßig. Die Balance des Lebens hat er nie halten können: Zwischen norwegischem Blockhaus, der kunstlosen Einsamkeit, und dem hohen intellektuellen Anspruch eines Cambridge-Studenten, dem letztlich aber die Promotion verweigert wird, verirrte sich sein vor langer Zeit schon zerstörtes Ich: zwischen Wahrheit, Wünschen und Wollen.

Am Ende sitzen alle Drei an einem trüben Nachmittag am Kaffeetisch. Nur wenig hat sich verändert, und doch ist einiges verrückt oder wenigstens gesagt worden. Ludwig wird in seine Anstalt zurückkehren, sich weiter körperlich und geistig quälen, bis er den Sinn seines Lebens gefunden hat; die ältere Schwester wird in ihrer Rolle als neurotisch perfekte Hausfrau verharren und die jüngere in ihrem gelangweilten Nichtstun; bis zu ihrem Ende. A.C.