Trauer to go

Ein deutscher Abend

von Adriana Altaras

 

Über die Unfähigkeit zu trauern

   

Maxim Gorki Theater

 Uraufführung

Texte und Regie: Adriana Altaras
Mitarbeit Texte: Jockel Tschiersch und Annettte Reber,

Bühne und Kostüme: Yashi Tabassomi

Musik: Wolfgang Böhmer

Mit:

Rosa Enskat, Monika Hetterle, Ruth Reinecke, Heike Warmuth, Thomas Bischofberger, Rainer Kühn, Julian Mehne, Norman Schenk, Jockel Tschiersch und dem Anlos-Streichquartett

 

Kurzbetrachtung

Trauerarbeit ist schwere Arbeit, besonders, wenn sie von anderen verordnet wird, nicht beim Herzen ankommt und keine therapeutische, also heilende Wirkung zeigt.   

 

 

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Um die Deutschen zum Nachdenken über die Verbrechen Adolf Hitlers und seiner Mithelfer an jüdischen Menschen zu bewegen, haben sich einige Leute die Errichtung eines wirkungsvollen Mahnmals zur Aufgabe gesetzt und solange mit  eisernem Willen darum gekämpft, dass es nun - in Form von zahlreichen nackten Stelen auf einem nackten Gelände - Wirklichkeit werden wird. Ob es die Menschen ernsthaft berührt? Ob es Kunst ist oder nicht- oder ob es gar zum Schandmal geriert, wenn manche Menschen ahnungs- und achtungslos an den Gedenkstelen vorbeigehen?

Das sind nur angedeutete Gedanken, wie alle Szenen in "Trauer to go" im Gorki, die sich als Plots in dieser zwar sehr lebendigen, aber auch mit einigen peinlichen Späßen und Gags gewürzten Darstellung von Betroffenheit aneinanderreihen. Da stehen, choreografisch hübsch aufgeteilt auf der obersten Stufe einer mit rotem Teppich ausgelegten Galatreppe die Akteure - mitten unter ihnen ein Engelchen, klein, zart, sanft. Männer und Frauen aus verschiedenen Generationen kommen herunter, betreten die nur mit Stühlen dekorierte Bühne und setzen sich, bescheiden, schüchtern, auftrumpfend, selbstbewusst. Das Streichquartett am Rande und das Rednerpult verrät, was uns zwei pausenlose Stunden lang erwartet: eine theatralische Holocaust-Feierstunde.

Der mit roter Robe und Pelzjäckchen gewandete Star des Abends (komisch-kurios Rosa Enskat) singt sehr schön, positioniert sich, gerät aber dann doch in ein schreckliches Schleudern, tanzt, stürzt, rappelt sich wieder auf und fällt von neuem über Stufen, Rocksaum und sich selbst. Gut, dass sie Knieschützer trägt. Ratlosigkeit, Hilflosigkeit in dieser kuriosen Feierstunde. Die Symbole sind offensichtlich. Der Festredner, als Bauunternehmer aus Bayern eingesetzt, redet in Plattitüden; ein anderer verschluckt sich an der Unverständlichkeit seiner Sätze und seiner furiosen Gedankensplitter. (Später wird sich dieser Schauspieler wütend und nackt die lange Treppe hinunterrollen, sich geißelnd, um seine Schuld abzutragen...)

Schrecklich zu ertragen ist auch Rednerin aus Weimar, die nichts zu sagen weiß und ihre Hilflosigkeit mit albernem Kichern kompensiert (Ruth Reinecke). Ihr cooler halberwachsener Sohn, unerträglich Grimassen schneidend (Bischofberger), schlägt ein virtuelles Mahnmal-Gebäude vor, um geschichtliche Schuld stockwerkweise zu ordnen und zu bündeln ("Ein Trauertower ist terrorsicher") außerdem Patenschaften für einzelne Opfergruppen. Ob das sarkastisch gemeint ist, bleibt offen. Schließlich outet er dann doch mit aller Lässigkeit das erfahrungsschwache Bewusstsein einer neuen Generation: "Ich bin für dieses Mahnmal, weil ich gegen den Krieg bin und ich finde die Stelen schön". Punktum aus.

Der Gegenpart: die ältere Frau, äußerlich Trauer in Person, vor allem aber innerlich aufgewühlt, voller Hass und Wut auf die Menschen, die derartiges Leid verursachten und zuließen, gleichsam auch auf jedermann, der es wagt, zu vergessen.  Sie fordert Mahnmale für alle geächteten Gruppen und verschluckt sich dann am absoluten Anspruch ihres Zorns: Sich geißelnd werden später die Trauergäste die Treppe empor kriechen - sollte es das sein?

Das Problem, ob und in welcher Form alle Deutschen gleichermaßen zum Trauern aufgerufen werden können, ist natürlich ebenso typisch deutsch wie jegliche emotionale Verordnung an sich. - Schweigeminuten können und  sollen kurz die Gedanken einer Gemeinde auf denselben Nenner bringen, aber wenn sie als zwingender Appell verstanden werden und disziplinarische Strafen für Zuwiderhandlung erfolgen, ist diese Variante der Trauer problematisch.. .

Und als dann plötzlich ein "letzter Überlebender" des Holocaust auftritt, da sind die Diskutanten, Festredner, Trauerapostel und Mahner völlig hilflos. Nur der kleine Engel kann auf ihn zugehen und ihn zärtlich umarmen.

Ach ja, und noch ein Mahnmal schlägt die Autorin selbst nicht ganz ohne Sarkasmus vor: ein Mahnmal, dass sich durch die Stadt schlängeln und die Menschen an die Trauer um sich selbst erinnern sollte: eine Mauer.

Ein Abend, der als Versuch zur Darstellung eines sehr schwierigen Themas anzusehen ist; er spricht nicht gerade für ein monumentales steinernes Mahnmal. A.C.