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Troilus und Cressida von William Shakespeare Deutsch von Michael Wachsmann
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Die Helden sind müde - eine neue Variante der Ilias
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Regie: James MacDonald
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Kurzkritik Mit martialischen Tönen, einer faszinierenden Bühnengestaltung und einer frech-intelligenten Interpretation trifft der Regisseur ins Herz, das bei Shakespeare als er dies Stück schrieb, gerade von großem Unmut gegenüber seinen Mitmenschen erfüllt war. Und so verwandelte er die heroischen Taten der Hellenen in eine Horde von geilen Kriegstreibern mit einem Macchiavell in ihrer Mitte. Die schuldigen Troianer verwandeln sich in eine moderne Gesellschaft mit Ambitionen zur Einsichtigkeit, die aber letzten Endes keinen Deut besser sind, wenn es um idealisierte Ehre und Tapferkeit geht - bis auf ihren kurzfristig zur Klarsicht neigenden Helden Hektor. Die Damen kämpfen mit ihren Gefühlen, die Herren um Macht und Ehre. Die Götter fehlen in dieser Auseinandersetzung.
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Wer die Ilias von Homer nicht wenigstens annähernd in Erinnerung hat, und wer Shakespeare lediglich als Kunstschmied altenglischer Königsdramen und mitsommerlicher Geisterspiele- und Verwirrungen kennt, allerdings wird mit diesem Stück, das sich als "schwere Komödie" bezeichnet, seine Probleme haben. Er wird es blutig, rauh, grob, zuweilen steif und statisch finden; doch darf er nicht die aktuelle Botschaft zur die politischen Intrige, die Entlarvung männlicher Eitelkeiten und die Verzweiflung der Frauen übersehen, die der Regisseur neben diesem archaischen Schlachtgetöse sichtbar zu machen versucht. Also, da hat sich William Shakespeare, unbestritten der Genialste aller Dramatiker, in einer Phase weltverneinenden Trübsinns (angesichts der politischen und gesellschaftlichen Zustände im Allgemeinen wie im Persönlichen) die mittelalterliche Version des Homer'schen Helden- und Götterepos vorgeknöpft und kurzerhand alles Heroische daraus entfernt (der Regisseur ebenso!): Er hat die der Menschen Geschick lenkenden Götter gänzlich aus dem Geschehen verbannt und eine Episode aus dem Trojanischen Krieg im siebten Jahr der Belagerung von Troja herausgepickt, in der eigentlich beide Seiten des Kämpfens und Wartens müde sind. Er hat die Hexameter Homers in sein eigenes Versmaß gesetzt und das hellenische Mythos so umgeschrieben, wie es ihm gefiel, und danach ging's ihm wahrscheinlich besser. Entstanden ist zunächst ein ziemlich verwirrendes Werk, das dann auch nicht sehr oft aufgeführt wurde - vermutlich wegen seiner sehr deutlichen, mit Ironie reichhaltig gewürzten Markierung politischer Machtgelüste, der sinnlosen Kriegstreiberei, herrschaftlichen Willkür oder vielleicht auch der Unheil bringenden Idealisierung von Heldentum und Sippenhaft wegen. Und damit hat die Belagerung von Troja durch die Griechen, denen ja der trojanische Königssohn Paris bekanntlich die schöne Helena raubte, die mit König Menelaos vermählt worden war (mit handelsüblichen Vorteilen zwischen Sparta und Athen) eine sehr viel weitere, kühnere Dimension erhalten. Nicht nur, dass Shakespeare den Recken ihren Glanz nimmt und die wüsten Gesellen als beutelüsternde Kriegsgangster darstellt, sondern er übt in seiner neuen Ausformung der Charaktere vor allem barsche Kritik an Eitelkeit und Verbohrtheit, Stolz und Eigensinn sowie gesellschaftlichen Missständen, die er nun nicht länger - wie bei den Hellenen - der Macht der Götter überlässt. Der Mensch selbst ist verantwortlich für sein Handeln, für sein Schicksal - eine Aussage, die, man kann von Glück sagen, Shakespeare nicht auf das Schafott brachte. Wahrscheinlich haben sie die Mächtigen seiner Zeit nicht verstanden. James MacDonald, der Hausregisseur am Royal Court Theatre in London und an der (mit der Inszenierung von Cyrill Churchill's "Die Kopien") bekannt geworden, bringt mit einer gehörigen Portion Satire und Distanz den Zwist zwischen wortgewandten Königsberatern, zwischen beleidigter Männlichkeit und kraftprotzender Dummheit zu einer dreistündigen aufregenden, nicht eine Minute aus dem Gleis geratenen Aufführung, die in dieser Saison ihresgleichen sucht. Blutrot sind Fußboden und Wände gestrichen; in der Mitte des Raumes befindet sich eine rote, runde Lagerstatt, auf der abwechselnd die Recken kämpfen und sich die Liebenspaare aalen. Als Diagonale zieht sich ein Fließband von Wand- zu Wandöffnung, auf dem die müden Krieger, Statuen gleich, abgekämpft von der Schlacht, blutüberstömt und ramponiert ins heimische Lager zurückrollen, kraftlos bis zum nächsten Tag, der sie erneut ins Feld transferiert (mit bitterem Spott von Pandarus kommentiert) . Dazu ertönt eine grässliche ohrenbetäubende Alarmtröte, die zum nächsten Angriff brüllt. Das fährt durch Mark und Bein, und soll es auch; denn Schlachten sind eine bittere Realität und nicht nur ein zeitvertreibendes Gesellschaftsspiel auf dem Kartentisch der Generäle. Im Dreieck sitzen die Zuschauer um dieses Areal, in dem sich abwechselnd die in imposante Kriegsgewänder gestopften Griechen die Langeweile vertreiben oder ihr Kriegsrat Heimtücke und List mit Hilfe von Odysseus in die Tat umsetzt; dann wieder treten die friedenswilligen Trojaner in moderner Kleidung auf, werden aber durch Familienbande und Eigensinn daran gehindert, ihrem friedfertigen Eingeständnis der Schuld stattzugeben. Hektor (Mark Waschke) ist hier zwar der kluge, besonnene Anführer, aber letztlich doch auch zuständig für die Verteidigung der so genannten Familienehre. (Die Sympathie des Mittelalters lag bei den Trojanern, im Gegensatz natürlich zu dem Griechen Homer, und Shakespeare übernahm diese Sympathiebekundung). Die Liebesgelüste Paris’ verteidigt heftig ein weiterer Bruder, nämlich der Namensgeber des Stückes: Troilus (Lars Eidinger) – sinnigerweise von den Schauspielern "Treulos" ausgesprochen- der in ekstatischer Liebe zu der schönen Cressida (Jule Böwe sinnlich und stolz) entflammt ist und den totalen Verstandesverlust seines Bruders teilt. Das Hirn ist in die Hose gerutscht, und das wird mehrmals deutlich in diesem völlig widersinnigen Konflikt zwischen Staatserhaltung und Fortpflanzungstrieb. Troilus bekommt seine Cressida - sicher weil auch sie ihn liebt, vielleicht auch durch die überaus quirlig-nervige Verkupplung ihres Onkels Pandarus (Thomas Bading), der mit fliegenden Rückschößen hin- und herflattert und sich hingebungsvoll abmüht, die Beiden zusammenzubringen. Er ist ein Komiker, sprachlich vom Duktus Shakespeare’s abgesetzt und damit auch der Würde der Historie entbunden. Später wird Cressida gegen einen schlagkräftigen trojanischen Gefangenen der Griechen ausgetauscht, Den Coup hat ihr Vater Kolchas eingefädelt, der das Ende Trojas vorausgesehen hat und besser gleich zu den Griechen übergelaufen ist. Das Mädchen wird nach einem gierigen Willkommens-Gegrapsche der leitenden Herren dem eitlen Heerführer Diomedes zugeteilt, der sie wohl gar nicht erst zwingen muss, seine Bettgefährtin zu werden. Troilus, der dies mit Hilfe der hintertriebenen Dienstbarkeit von Odysseus heimlich beobachtet, verzweifelt zu Recht an der Treue seiner Geliebten. Damit ist dem Titel der Story auch schon Genüge getan. Wichtig sind neben Hector, dem einzigen Helden, wenn es denn schon einen geben soll, und Achill, dem leicht lächerlichen Widerpart, nur noch zwei Figuren: Odysseus (Jörg Hartmann) tritt hier als überlegener Macher, als Königsflüsterer, als Macchiavell auf, der durch Intrige und listenreich- kluges Taktieren die politischen Fäden in der Hand hält. Er wird den Krieg neu entfachen, Achill zum Mord an Hector treiben, nachdem dieser ihn auf der Matte im Ring- und Messerkampf besiegt hat (in einer federfliegenden Kissenschlacht, die MacDonald als alberne Persiflage auf all die sinnlosen Kämpfe der Zeiten hinzugefügt hat). Und die zweite, gleichermaßen herausragende Person ist Thersites (Robert Beyer) in einen schwarzen knappen Gummianzug gepresst, der Narr von Achill (Kay B. Schulze) und dessen Bett- und Kampfgefährten Patroklos (David Ruland). Narren haben vor allem die Aufgabe, unverblümt die Wahrheit zu verkünden und dafür Schläge einzustecken. Bei Shakespeare ist er ein Zyniker, ein Schmäher, destruktiv und zornig - bei MacDonald eher ein Reptil, lästerlich aufreizend, zungenfertig, kühn, frech, spöttisch und - ehrlich. Stefan Hageneier staffiert dieses giftspritzende Rumpelstilzchen überdies mit einem riesigen schwarzen Gummipenis aus! Die Anspielung auf den Männlichkeitswahn der Soldaten ist ziemlich eindeutig, wie überhaupt der rüde Humor der Krieger sowie die Sinnlosigkeit aller Schlachten in dieser Interpretation am deutlichsten wird. A.C.
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