Trust

von
Falk Richter

 

Horrorszenario: eine Welt ohne Vertrauen

 


 Uraufführung

Regie und Choreographie: Falk Richter und Anouk van Dijk

Schaubühne

mit: Peter Cseri, Anouk van Dijk, Lea Draeger, Jack Gallagher, Vincent Redetzki, Judith Rosmair, Kay Bartholomäus Schulze, Stefan Stern, Nina Wollny und Malte Beckenbach (Musiker)

 

 

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Trust bedeutet Vertrauen, und darum geht es in diesem äußerst merkwürdig konzipierten Tanztheatersprechstück. Aber leider handelt es sich einzig und allein um das verlorene Vertrauen, das nicht einmal durch Misstrauen, Wachsamkeit, Schärfe ersetzt zu werden scheint, sondern lediglich durch verdeckte Aggressionen, wortlose Scheingefechte, endlose Depressionen. Ein Armutszeugnis für unsere  Gesellschaft, die mit dem Wahnwitz unserer Welt, ihren finanziellen Desastern, ihrer moralischen Desorientierung, ihrer Egozentrik und Engstirnigkeit nicht mehr zurechtkommt.

Richter und seine niederländische Kollegin van Dijk lassen diese Rat- und Rastlosigkeit über die Körpersprache und lange, scheinbar satirische Monologe sichtbar werden, die uns von den acht Darstellern abwechselnd in atemloser wirbelnder Bewegung und teils isoliert irgendwo im weiten Raum am Mikro im Schnelldurchlauf entgegengeschleudert werden.

Die Wucht dieser Attacke wird aber nur in den atemlosen Verrenkungen der geschulten Tänzer und Schauspieler deutlich, wenngleich das Ganze auch mehr an die artistischen Tanzchoreographien der hier vormals residierenden Sasha Waltz erinnert. Sie könnten ebenso gut in den seinerzeit noch leeren Räumen des Neuen Museums wie auf dem schwarzen Tanzboden jedweder Bühne choreographiert worden sein. Man wäre nicht ratloser- und dennoch gleichermaßen fasziniert.

Mittelpunkt aller Verwirrung ist, wie stets im heutigen Regie- und Experimentiertheater, die leer und schal gewordene Beziehung zwischen den Geschlechtern; erschwerend zur Sprachlosigkeit kommt die Rastlosigkeit der Jet-Set-Managergeneration hinzu. Das wird häppchenweise im Wechsel von den deutschen und holländischen Schauspielern serviert. Von 14 Jahren Ehe sind nur knapp drei Wochen Gemeinsamkeit in Erinnerung geblieben. Mehr Zeit, mehr Inhalt hatte man nicht für einander, und nun kommt die schmerzvolle Erkenntnis hinzu, sich fremd geworden zu sein. Doppelt gefehlt, doppelt verfehlt. Dazwischen sind Sentenzen eingebunden, die sich mit der Jagd nach Vermögen, Prestige, Aktien und Fonds auseinandersetzen - alles letztlich dem Untergang, dem Versagen geweiht. Eine trostlose Bilanz, wäre diese Systemkritik denn so gänzlich neu, und die Lehre oder die "Leere" aller Unternehmungen einschließlich des Versuchs "Liebe" eine mehr gemeinschaftliche denn individuelle Wahrnehmung.

Die Hoffnungslosigkeit offenbart sich in den scheinbar ungeordneten psychischen Verrenkungen, in den Schleudertraumata der Körperlichkeit, die Stürze und Schläge der erschöpften Menschheit nur mit hilfloser Inaktivität kompensiert. Wir lassen uns anscheinend  alles und zuviel gefallen, protestieren nicht, wenn andere über unsere Bedürfnisse hinweg entscheiden; wir lassen es zu, dass die Zeit und die Mächtigen ihre rüden Interessen ungehindert durchsetzen, ihre Selbstsucht wie eine vernichtende Welle über die Menschen hinwegrollt. Endet wirklich alles letztendlich im Chaos der Ausweglosigkeit? Kann der Mensch sich noch wehren, hat er Möglichkeiten, sich dem Macht- und Gewinnstreben, der Vernichtung unserer Ressourcen, der weltweiten Armut, der Hirnlosigkeit aller Kriege, der Entfremdung von seinen Mitmenschen entgegenzuwirken? Ein Therapeut versucht es in der Gruppe. Er will die Teilnehmer aufwiegeln: Trotz, Aggression, Wut herausfordern, ihre Passivität bekämpfen. Doch vergeblich. Nur ein sanftes Blöken kommt von der Herde der Mitläufer, die im Eintopf der Urteile und Vorurteile rühren, Ungeheuerlichkeiten mit einem schmalen "sorry" kurieren, sich dem Total-Ausverkauf ihrer existenziellen Bedürfnisse hingegeben haben.

Zu reißenden Wölfen werden nur die Tänzer, die knurrend und fauchend miteinander ringen und raufen, die mit ihrer Kraft eine Welt zum Einsturz bringen könnten, wenn sie nicht an deren Mauern zerbrechen würden. Und diese Barrieren bestehen aus leerem Geplapper, sinnlosen Sätzen, unechten Emotionen, Gedächtnisverlust und Wahrnehmungsverblockung - welche Form des Aufbegehrens kann noch an diese Generation herankommen? Woher kommt die helfende Orientierung, kommen die neuen (alten) Werte, kommt ein Leben, das sich nicht an Geld und Ruhm und kurzer Lustgewinnung allein orientiert? Denn das ist, so kreiselt es sich hier ein, der Auslöser für alle Zerstörung. Was folgt ist: Ruhe - die letzte Phase des In-Sich-Kehrens, des Loslassens aller gesellschaftlichen Bindungen und Beziehungen, die keine Liebe, keine Nähe, keine Gewissheit mehr benötigt, keine Fragen mehr stellt - aber auch jede Verantwortung für sich und andere ablehnt. Die totale Selbst-Aufgabe als letzter, als einziger Ausweg?

Ganz so traurig aber nimmt das Publikum dieses Angebot aber dann glücklicherweise doch nicht an: es applaudiert heftig und herzlich, und hat teilweise sogar sein Vergnügen an diesen wahnwitzigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Weltuntergangs-Szenarien. A.C.