Das System 3/Amok

Weniger Notfälle

von

Martin Crimp

  Hilfe - was sollen wir tun?

 

Schaubühne 

am Lehniner Platz

 

Regie: Falk Richter

Bühne: Jan Papelbaum,

Kostüme: Martin Kraemer

Musik: Malte Beckenbach

Dramaturgie: Jens Hillje

Video Martin Rottenkolber

Licht: Erich Schneider

mit: 

Jule Böwe, Cristin König, Ronald Kukulies, Linda Olsansky, André Szymanski

Man könnte es mit verschiedenen Stücken, die zur Zeit am Gorki ("Terrorismus"), an den Vaganten ("Das Laramie-Projekt"), am Carrousel ("Ich knall euch ab") laufen, unter ein noch zu benennendes neues Genre stellen - das Bild einer in sichtbarer und unsichtbarer Zerstörung begriffenen Welt. Der "Struwelpeter" war den Müttern und Vätern einer um Systemveränderung bemühten Elterngeneration einst zu brutal - jetzt haben ihre Kinder die reale Grausamkeit entdeckt und sind hilflos! (s. a. "Elternabend" in der Neuköllner Oper)

 

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Martin Crimp ist ein Zyniker. Seine Attacken auf eine brutale ausgeflippte, nicht mehr kontrollierbare Welt und ihre unverbesserliche Spezies von Menschen zeichnen sich zunächst durch beinahe belanglose, kühle erzählerische Qualität aus. Wenn Schauspieler wie Jule Böwe und André Szymanski es allerdings verstehen, Erzähltes zur brutalen Erfahrung zu verdichten, dann ist das schon eine gelungene böse Sache. Falk Richters Einstudierung von vier Inszenierungen, allesamt nach dem gleichen Muster als System-Entlarvungen und Konfrontationen mit einem globalen Horror-Szenario gestrickt, entbehrt nicht einer gewissen Faszination, wenn man sich an diesen Stil gewöhnt hat. Denn es gibt keinen dramaturgisch sich steigernden Aufbau eines Handlungsgeschehens mehr, die Reflektion der Wirklichkeit ist sich selbst genug, die Aussage so beiläufig wie möglich als Kaffeehaus- oder Bargespräch, als Pressekonferenz oder als Arbeitsgruppe für ein zu drehendes Video gedacht, das denn auch immer gleichsam über allem thront, damit wir ja nicht vergessen, wie fremdbestimmt wir von Wort- und Bildmedien sind.

Die Widerspiegelung einer sich durch allerhand Systeme irgendwann selbst vernichtende Welt-un-ordnung, deren eigendynamische Kräfte der Mensch wie Goethes Zauberlehrling schon lange nicht mehr zu bändigen versteht, das ist eine neue Kunstgattung, die eigentlich eisgekühlt (wie im System 2/Eiszeit) serviert werden müßte, damit man den kurz vor dem Kollaps stehenden Pulsschlag der Zeit in seiner entsetzlichen Bedrohlichkeit überhaupt wahrzunehmen vermag. Ob dies immer gelingt und - natürlich die immerwährende Frage - auch an die richtige Adresse gerichtet ist, die Änderungen und Veränderungen herbeiführen könnte, bleibt fraglich. Inwieweit der Einzelne, das verbliebene Individuum, sich von seiner bequemen Mitläufereigenschaft befreien kann, wird allerdings in keiner dieser Inszenierungen thematisiert.

Für die Amokläufe, die Martin Crimp, in "Weniger Notfälle" auf fünf Einakter verteilt hat, genügt eine beinahe leere Bühne mit einer halbrunden Sitzform, eine kleine Bar mit integriertem TV und eine großformatige Videoinstallation, die eigentlich mehr ablenkt als wirklich Neues enthüllt. Einmal mehr huldig sie der DDR-Nostalgie, nach der die "Wende" lediglich merkantile Errungenschaften eingebracht hat. Vordringlich aber geht es bei "Amok" um das System "Gewalt", das es zwar seit Bestehen der Welt gibt, aber nicht so bedrohlich und unvorhersehbar wie heute, da die Medien alle Untaten der Welt ins Wohnzimmer spülen (und vor keiner Art von Berichterstattung zurückschrecken).

Da ist der bisher eigentlich durch und durch friedliche, zufriedene Familienvater, der jäh drei Kinder erschießt; da ist die wahnsinnige Mutter, die verzweifelt ihr Kind zu schützen versucht, das von einem Bombenanschlag getötet wurde; da ist die wunderbare intakte schöne Familie, die sich dem Kampf gegen alles Andersartige verschrieben hat; da ist die Selbstmörderin, die die Phasen ihrer Selbstzerstörung auf Video dokumentieren möchte und die als Kunstobjekt missbraucht wird... und da gibt es die Berichterstatterin, die eine "schöne neue Welt" mit "weniger Notfällen" beschreibt - aber " wir müssen überleben, egal um welchen Preis!" Letztlich ist alles schrecklicher als je zuvor. A.C.