Wunschkonzert

von
Franz Xaver Kroetz

 

 

Wenn der Mensch nur noch funktioniert...

 

  Schaubühne 

am Lehniner Platz

 

Mit: Anne Tismer

Regie: Thomas Ostermeier

Bühne: Jan Pappelbaum

Kostüme: Almut Eppinger

Gesang: Ulrike Puala Bindert

Musikalische Einrichtung: Nicolas Ramdohr

Dramaturgie: Marius von Mayenburg

 

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 Wer sich das Leben als single so erstrebenswert vorstellt, wird hier von dem Autor Franz Xaver Kroetz, seinem Regisseur Thomas Ostermeier und der Schauspielerin Anne Tismer eines Anderen belehrt. Nicht unbedingt eines Besseren; denn was sich Kroetz da als stumme Anklage gegen eine ausbeuterische Klassengesellschaft hat einfallen lassen, ist mehr als deprimierend. Nun war der bayrische Vertreter eines harten, neuen Realismus noch nie ein Freund von Fröhlichkeit – seine Dramen sind allesamt eine einzige massive soziale Anklage, die ein elendes Dasein in einer elenden Welt aufreißt. Diesmal ohne Worte. Und daher besonders eindringlich und grausam.

Fräulein Rasch heißt diese irgendwie doch noch recht junge graue Maus, die da in ihre schlichte, wenn nicht armselige kleine Wohnung heimkommt (für uns im Querschnitt einsehbar), und das allabendliche Ritual der tausend Handgriffe mehr mechanisch als bewusst in Szene setzt. Was wird sie jetzt tun, fragt man sich angstvoll, und man weiß es doch: Der Fernseher wird an- und ausgeschaltet, das Radio mit dem pop-Wunschkonzert bleibt bis zur letzten Sendeminute an, Teller und Messer und Becher vom morgendlichen Schnellfrühstück werden gespült, ein neues Gedeck aufgelegt, es wird ein wenig gegessen, der Computer zum Kartenspiel angestellt – alles hat seinen geregelten, monotonen Ablauf. Die triste Zwangsmaschinerie  des beruflichen Fließbandalltags setzt sich am Abend zuhause fort. Keine Abwechslung, kein neues Band, kein Buch, kein anderer Mensch, keine aus dem Ordnungsprinzip heraus brechende Regung. Auch kein Telefon – keine Verbindung zur Außenwelt! Anne Tismer hält diese Zwanghaftigkeit mit größter Konzentration durch, spielt sich zum Objekt herab, das man schütteln, anschreien, bewegen möchte, um es am endgültigen Absterben zu hindern.

Wie grässlich, dass sich Ostermeier/Kroetz ausgerechnet die menschliche Notdurft als einziges Lebenszeichen ausgedacht haben, das diese junge Frau scheinbar noch in der Lage ist, abzugeben. Der Stuhlgang als heftige und letzte Entleerung. Nichts ist mehr vorhanden in diesem ausgetrockneten Dasein eines Menschen, der nur noch funktioniert wie eine Maschine. Plötzlich aber trifft  sie eine Gefühlsregung mit voller Wucht, nämlich als eine imaginäre Frau vor ihrem Fenster sichtbar wird und eine wundervolle, tief zu Herzen gehende Arie singt – Wahn oder Wirklichkeit? Noch eine, die letzte klitzekleine Gefühlsaufwallung um Mitternacht, als die deutsche Hymne, weich und zärtlich, im Radio das Ende der Sendezeit erklärt. Da dreht sie schnell und ängstlich das Radio ab. Das nicht, nicht jetzt, nicht, bevor der letzte Schritt getan ist. Unwiderruflich. Das Band ist abgelaufen.

Wer Kroetz und Ostermeier kennt, weiß, was ihn erwartet. Wer Anne Tismer, als „Schauspielerin des Jahres 2003“ ausgezeichnet, als Nora und Lulu sah, wird nun überrascht sein, wie intensiv und spannungsgeladen sie diese Rolle annimmt. Betroffen reagiert der Zuschauer allemal auf dieses stumme, leblose Individuum, das keinen anderen Ausweg aus dem tristen, hoffnungslos gewordenen Dasein mehr findet, als sich selbst auszulöschen. Dass die Welt sich durch eine andere Sichtweise, durch eigenes Dazutun verändern kann – diese Einsicht möchte Kroetz nicht gelten lassen. Für ihn steht der gesellschaftliche Rahmen, an den der Mensch gekettet ist, unwiderruflich fest. So steuern Tismer/Rasch auf ein konsequentes Ende zu, dem wir nur hilflos zusehen können. A.C.