Zille

von
 Horst Pillau

 

 

  Milljöh auf der Kudammbühne

 

 

Theater am Kurfürstendamm

Regie: Klaus Gendries; Ausstattung: Martin Ruprecht; mit Musik von Walter und Willi Kollo u.a.; Musik. Leitung: Peter Buchheim

mit: Walter Plathe; Luise Schnittert, Maria Malllé, Latharina Lange/Kim Pfeiffer; Reiner Heise, Oliver Trautwein, Peter Buchheim

 
Wer des Frühjahrs nasser Kälte entfliehen und des Tages Frust abwerfen möchte, dem sei jetzt dringend eine abendliche "Auszeit" im Theater am Kurfürstendamm empfohlen, um mit einem temperamentvollen Ensemble in das alte Berliner Milljöh einzutauchen - in die Welt Heinrich Zilles!
  Wenn Künstler, die ihr Handwerk verstehen, sich zusammentun, so kann eigentlich nur ein Hit daraus werden. Und kaum jemand hat bisher wohl den originellsten aller Künstlersöhne Berlins, den Maler, Zeichner, Karikaturisten, Lithografen und Fotografen Heinrich Zille so köstlich porträtiert wie Horst Pillau und Walter Plathe. Ob er denn wirklich so geschaltet und gewaltet, geliebt und gezeichnet, gezecht und sein großes Herz verschenkt hat, das ist vielleicht gar nicht einmal so wichtig. Denn wie Plathe ihn spielt und Pillau sich sein Wirken vorstellt und Martin Ruprecht die Bühne mit Eckhaussäulen und Bildern des Malers dekoriert hat, die gleich den windigen dunklen Berliner Seitenstraßen die Enge des 19.Jahrhunderts einfangen - so könnte es ein Spiegelbild des alten Berlin sein.

Vielleicht aber auch nicht; vielleicht ist der Zille Plathes zu weitherzig, zu gutmütig, zu halsstarrig und stolz auf seinen Arbeiterstand und seinen künstlerischen Außenseiterstatus, vielleicht war er couragierter im Umgang mit Arbeitgebern, Vorgesetzten, und doch ehrgeiziger als anerkanntes Akademiemitglied und Vorstandsmitglied der neu gegründeten Secession. In seiner Version gibt Plathe ihm den ursprünglichen, längst verloren gegangenen blitzschnellen und treffsicheren Berliner Mutterwitz, der zugleich Durchblick und Tiefsinn verrät, und Zilles Bilder erst zu dem machte, was sie sind: beredte Zeugnisse einer lebens- und überlebenstüchtigen menschlichen Natur, die dem Elend trotzt, dem Schicksal zwar tatenlos, aber mit fatalistischem Witz entgegentritt und eine Zeit an den Pranger stellt, die erbarmungslos, arrogant und engstirnig eine Gesellschaft führte, die noch lange in dem Gefängnis ihres preußischen Kadavergehorsam gefangen sein sollte.

Walter Plathe ist ein skurriler, liebenswerter ZiIle, dem Vorbild getreu ein Mann mit Herz und Schnauze, mit Verstand und Zivilcourage, mitfühlend und mitleidsvoll, aber auch ein eigensinniger Egoist, der   seine Freiheit, seine Unangepasstheit, seine Bockigkeit und seine Freunde für seine Kreativität braucht wie die Luft zum Atmen. Am meisten aber braucht er seine Hulda, die ihm drei Kinder gebar und die Haushaltskasse geschickt und klug verwaltete, doch genau wusste, dass sie ihren Heinrich nicht disziplinieren konnte. Zeichenblock und Bleistift im Jackett, den Zigarillostummel zwischen den Lippen, die Augen intensiv auf das Objekt gerichtet, das er blitzschnell skizzierte - und mit sarkastischem Kommentar für eine Nachwelt verewigte, die das Leid hinter dem Galgenhumor sehr wohl begreift.

Zilles Leben, seine beruflichen und persönlichen Höhe- und Tiefpunkte hat Pillau in kurzweiligen Szenen aufgefangen und mit typischem Zille-Bonmots ausgeschmückt. Ihm begegnen und ihn umrahmen neben seiner Familie die ihm liebsten und intensivsten Modelle und Freunde wie Prof. Liebermann und Claire Waldorf; in der Stammkneipe entstehen saftige Anekdoten, köstliche musikalische Einfälle, schnelle Zeichnungen; zuhause waltet die verzeihende Hulda, und in den Seitengassen umarmt er auf nächtlichem Heimweg Laternenpfähle und Nutten, denen er gutherzig aus bedrohlichen und misslichen Lagen hilft. Am Tage fängt er die armselige, stets vitale Wirklichkeit seines Viertels ein, wobei ihm die Kinder sein liebstes und bestes Sujet sind.

Wenn es diesen Zille nicht gegeben hätte, man hätte ihn erfinden müssen.  A.C.