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Deutsches Theater Kammerspiele Theaterfassung und Regie: Mit Schauspieler des Prager Kammertheaters und des Deutschen Theaters spielen zusammen in dieser sehr auf den Text bezogenen, gut gekürzten Theaterfassung. Die Inszenierung läßt gleichsam die Grausamkeiten, die Internatszöglinge an einem Kameraden begehen, wie auch die gefährlichen Gedankengänge, die zu einer ideologischen Rechtfertigung ihrer Taten führen, kristallin werden. en Moment bitte: Wie fühlen wir uns eigentlich, wenn wir als Zuschauende einen Abend voll roher Gewalt, brutaler Exzesse, Vergewaltigung und Schlägerei, von psychischer Folter ganz schweigen, erleben und erleiden müssen? Verlassen wir mit hellem Entsetzen oder gar einem gequälten Aufschrei unseren Platz, verweigern wir der Inszenierung unser Interesse, den Schauspielern unsere Anteilnahme? Selten und nur ausnahmsweise erlebt man, dass ein Besucher das Unerträgliche nicht mehr aushält und den Raum verlässt - die meisten Zuschauer aber bleiben sitzen, harren aus, senken den Kopf und verschließen wohl auch zeitweilig Herz und Ohren, um hernach den Darstellern doch ausgiebig Beifall zu zollen. - Beifall, wofür? Dass sie ihre Rollen so gut auswendig gelernt haben, dass sie uns glauben machen, sie quälten und litten ja nur auf der Bühne, um uns eine schreckliche Wirklichkeit nahe zu bringen? Sehen wir, in dieser wieder angekommen, tatsächlich solche widerlichen Auswüchse an Gewalt, und wenn ja, dann meistens nicht in unserem Umfeld, und so stellt sich doch für die meisten die Frage: können wir irgendwelchen Einfluss auf Menschen, Herrscher, Diktatoren, Terroristen, ausüben, die im Geheimen oder in der großen Öffentlichkeit weltweit Gewalt ausüben? |
Einen Moment bitte: Wie fühlen wir uns eigentlich, wenn wir als Zuschauende einen Abend voll roher Gewalt, brutaler Exzesse, Vergewaltigung und Schlägerei erleben und erleiden müssen - von psychischer Folter ganz zu schweigen? Verlassen wir mit hellem Entsetzen oder gar einem gequälten Aufschrei unseren Platz, verweigern wir der Inszenierung unser Interesse, den Schauspielern unsere Anteilnahme? Selten und nur ausnahmsweise erlebt man, dass ein Besucher das Unerträgliche nicht mehr aushält und den Raum verlässt - die meisten Zuschauer aber bleiben sitzen und harren aus. Viele senken den Kopf und verschließen wohl auch zeitweilig Herz und Ohren, um hernach den Darstellern doch, wie üblich, ausgiebig Beifall zu zollen. -Aber wofür? Dass sie ihre Rollen so gut auswendig gelernt haben? Dass sie uns glauben machen, sie quälten und litten ja nur deswegen auf der Bühne, um uns eine schreckliche Wirklichkeit nahe zu bringen? Sehen wir, in unserer Wirklichkeit wieder angekommen, tatsächlich solche widerlichen Auswüchse an Gewalt? Wenn ja, geschieht das dann aber jedenfalls nicht in unserem Umfeld! Und schließlich stellt sich doch für die meisten die Frage: Können wir irgendwelchen Einfluss auf Menschen, Herrscher, Diktatoren, Terroristen, ausüben, die im Geheimen oder in der großen Öffentlichkeit weltweit Gewalt ausüben? Was können wir vor allem in unserem täglichen Umfeld gegen Diskriminierung und Unterdrückung tun? Der junge Törless lebt wie früher Robert Musil, sozusagen als sein Roman-Ich, in einer Militärerziehungsanstalt, also einem Kadetteninternat in der K.uK. Monarchie. Er beschreibt in seinem Tagebuch als hochsensibler, hochintelligenter Heranwachsender, wie seine Freunde Beineberg und Reiting sich eines Mitschülers "bedienen", ihn als Objekt ihrer ideologischen Ehr- und Wertvorstellungen sadistisch missbrauchen. Törless selbst ist von dieser Art Feme-Gericht zwar höchst angewidert, bleibt jedoch seltsam distanziert. Es scheint, als ob er zunächst auch fasziniert von der Leidenswilligkeit des Opfers ist. Er versucht, seine Gefühle durch den Verstand zu filtern und bemüht sich, den gesellschaftlichen Ehrenkodex: "Wer einen Kameraden betrügt und bestiehlt, verdient es, bestraft zu werden" mit dem moralisch in Einklang zu bringen, was dann tatsächlich mit dem labilen, weichen Basini geschieht. Er selbst wird die Frage beantworten, die er an sich und uns stellt: Was fühlt man sowohl als Täter, als Zuschauer wie vor allem aber als Opfer? Geht ein Riss durch die gedemütigte Seele, zerbricht der ganze menschliche Lebenswille, der individuelle Stolz? "Warum wehrst Du Dich nicht?", fragt Törless, nicht minder verzweifelt, den erbarmungswürdigen Basini, als dieser nackt wie ein Wurm vor ihm auf dem Boden liegt. Der Junge versteht nicht, was Törless meint. Er gehört nicht zu Starken, den "Herrenmenschen", wie sie die Internatszöglinge bereits die Philosophie einer neuen schrecklichen menschenverachtenden Ära vorausleben; er gehört zu den Labilen, Weichen, eben nicht zu den Herrschernaturen. Und als auch Törless ihn (um seine eigenen Gefühle dabei zu testen!) schlägt und seinen Kopf bis zum zum vorletzten Atemzug in einen Wassereimer taucht, schmiegt sich der Gefolterte hernach nur an den gleichermaßen erschöpften Peiniger und küsst ihn. Was Beineberg und Reiting aus purem Sadismus betreiben, wird bei diesen beiden Jungen zu einer zärtlich-verwirrten homoerotischen Neigung, zu einer emotionalen Übereinstimmung: Störend für das seelische Gleichgewicht von Törless, wobei durch Basini's dunkle, grausame Welt jäh ein warmer Sonnenstrahl gehuscht ist. Törless schweigt (sicher viel zu lange) ob der Tätlichkeiten und denkt; das ist sein Vorteil. Er zerlegt Erlebtes und Erdachtes in winzig kleine Bausteine, bis sie sich zu einer logischen Gesamtsicht, zu einer philosophischen Erkenntnis über den Menschen und seine gesellschaftlichen Bedingungen fügen. Seine Analyse führt auch zu einer erbarmungslosen Selbstsicht, wie sie vielleicht sogar bei den meisten Intellektuellen vorkommt: "Wo es sich darum handelte, einen Entschluss zu fassen, von vorhandenen Möglichkeiten eine auf eigene Gefahr als bestimmt anzunehmen und danach zu handeln, versagte ich, verlor das Interesse und hatte keine Energie." Törless ist gedanklich immer weit entfernt von den anderen, den Tat- und Leidensmenschen, zu denen auch die junge Prostituierte gehört, deren Sanftmut die verlorene Kindheit der Internatsschüler ein wenig auffängt. Er ist immer zögerlich, zunächst sogar überzeugt von der Richtigkeit einer kameradschaftlichen Abstrafung, dann jedoch zunehmend distanziert, als er die wachsende Gewalttätigkeit seiner Freunde wahrnimmt. Diese lassen gewaltige kriminelle Energien erahnen, so sehr sie auch ihre Ideologie mit geschulter Rhetorik verteidigen. Wen wollen die beiden überzeugen - sich selbst? Dass ihr Handeln rechtens ist, dass der "Untermensch" es nicht besser verdient hat? Aber ihr Sadismus geht weiter: sie wollen wissen, wie weit sie gehen können, wie weit? Wie meint ihr das, fragt Törless entsetzt und erteilt ihnen endlich eine Absage. Das ist Verrat. Er wird büßen müssen. Und so gewinnt er Basini zum Vertrauten, überzeugt ihn, zum Direktor zu gehen. Der schmächtige, beinahe schon um den Verstand gebrachte Junge wird den Rat und damit die Konsequenz des eventuellen Schulverweises annehmen. Er hat in Törless doch noch einen letzten Vertrauten gefunden. A.C.
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