Zwillingsbrut

von Nicky Silver
deutsch von Frank Heibert

 

  Wenn die Seele zerstört ist...

   

 Vaganten 

Regie: Frank-Lorenz Engel
Bühne: Katrin Hieronimus
Kostüm: Katharin Beth
Regie-Assistenz: Stefan Rosenthal
Technische Leitung: Michael Gärtner
Mit:
Tilman Günther ist ein anrührend sensibler Sebastian, voll ernsthafter Trauigkeit und unbewältigtem Schmerz, den seine enttäuschte Hoffnung auf Liebe in die Regression treibt.
Ann-Cathrin Sudhoff ist eine überaus gruselig-komische Bernadette, hinter deren oberflächlichen permanenten Redewust sich ihre Unfähigkeit Gefühle zu begreifen verbirgt. Ein absolut überzeugender Psychofall!
Axel Buchholz ist eine starke Persönlichkeit; Er spielt diesen Kip mit der neu gewonnenen Vitalität eines Mannes, der vor dem Ertrinken gerettet worden ist und nun die Welt neu erfindet. Eine Welt, in der er die Hauptrolle spielt, und in der nur eine Blinde fühlen  (und mit dem Herzen) sehen kann, was der Künstler darstellen möchte.
Doris Prilop als Psychotherapeutin mischt in den Lavastrom ihrer ausbrechenden Leidenschaft stets ein bisschen Ironie und macht daher aus der Märtyrerin Miranda eher eine komische denn tragische Figur, was ihren Wahnsinn erträglich macht. - Als mütterlicher Geist erklärt sie die seelische Vereinsamung ihrer Zwillingsbrut.

 

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Eine Horror-Story, die einerseits das Gruseln angesichts unvorstellbarer menschlicher Vereinsamung lehrt, aber auch - dank einer zwischen Distanz und Nähe ausgewogenen Inszenierung - durchaus ein Auflachen erlaubt. Denn selbst die schrecklichste Vision hat noch ihre schwarzhumorigen Seiten. Es wäre auch sonst unerträglich, würden die Darsteller nicht allesamt zwischen der tragischen Verstrickung ihrer erkalteten Gefühlswelten und den Anforderungen des Über-Lebens geschickt jonglieren und das Absurde ihrer Situationen, ihrer Denkstrukturen und ihrer verdrängten seelischen Verletzungen mit leicht ironischer Übertreibung sichtbar machen. Zudem weiß das immer wieder um einige neue Schauspieler bereicherte Ensemble der Vagantenbühne stets, wovon die Sache, die sie da auf die Bühne zu stellen haben, handelt und wie es die Charaktere stimmig auszuleuchten hat.

Und so gelingt dem Zwillingspaar Sebastian und Bernadette, die sich erstmalig nach 15 Jahren anlässlich der Beerdigung ihrer Mutter wiedersehen, ihre Einsamkeit und Verlorenheit zunächst so zu kaschieren, als ob ihre Welt in schönster Ordnung sei. Dabei ist bereits dieser Muttertod ist eine makabre Angelegenheit: Von einem Duschkopf erschlagen, hinterlässt sie zwei hochgradig neurotische Kinder, die sich erfolglos mit der Erinnerung an eine alleinerziehende, gefühlskalte Mutter mehr schlecht als recht herumschlagen. Irgendwann erscheint diese Mutter dem Sohn im Traum wie der väterliche Geist Hamlets und erzählt ihm die entsetzliche Geschichte seiner Entstehung, was den überwiegend erfolglosen Schriftsteller nun endgültig in die Irre treibt.

Aber "der ganz alltägliche Wahnsinn", erfasst auch Kip, Bernadettes Mann, der, Zahnarzt wider Willen, plötzlich wieder "sehen" lernt und nun  wie besessen weiße Leinwände mit weißer Farbe bemalt, um das Leuchten in dieser Welt zu erhalten. Darin steckt viel Weisheit, sozusagen die Erkenntnis des Künstlers, dass sich jenseits alles Sichtbaren noch eine andere Welt verbirgt und offenbar wird, wenn wir uns bemühen, sie zu finden. Allerdings hat Kip nun verlernt, zuzuhören, und so weiß er nur wenig um die Wünsche und Bedürfnisse seiner Frau, die er als Modell und Lustobjekt strapaziert. Auf ihre plappernden Artigkeiten und höllisch gemeinen Bösartigkeiten reagiert er eher erstaunt - bereits fern aller hiesigen Wirklichkeit. Allerdings weiß auch Bernadette wenig mit ihrem Mann und seiner plötzlichen Verwandlung anzufangen - sie sind einander so fremd, als ob sie sich nie begegnet wären. Und doch entsteht in dieser Fremdheit ein Kind, ein Junge, dem sie zwar noch keinen Namen geben können und der später einen vermutlich mit ähnlich schweren Hypotheken belasteten Lebenslauf wie seine Eltern haben wird. Vorläufig aber beeinflusst dieses Kind das Schicksal aller Menschen, die sich hier mit ihren Wahnideen begegnen.

Zu Ihnen gehört auch die überaus gestörte Psychologin Miranda, die mit Sebastian ihren letzten Patienten verloren hat und darob jeglichen Verstand, aber dafür ihre arg verrutschten Gefühle wieder erlangt. Und seltsam gruselig ist der mehr als intellektuelle Briefkontakt Sebastians mit Dylan, der im Gefängnis einen Mord lebenslänglich absitzt. Auch die Begegnung mit dem Strichjungen Roger nimmt für Sebastian, der sich wie ein Ertrinkender an ihn klammert, einen zutiefst unglücklichen Verlauf. Irgendwann erkennt er, dass sein vor zehn Jahren an Aids gestorbener Freund, dem er seither unablässig nachtrauert, eine große Schuld auf sich geladen hat und er versinkt, ein später psychoanalytischer Erfolg, zurück in seine eigene Babyphase... Jürg Plüss' Figuren sind am unteren Ende der Leiter angekommen: Der gleichermaßen seelisch und intellektuell überforderte Mörder Dylan und der kriminelle Stricher Roger lassen einen erschaudern. A.C.