Der Meister und Margarita

von

Michail Bulgakov

 

 

Wie war das noch - vor etwa 2000 Jahren... 

 

 

 Regie: Frank Castorf

 Volksbühne am    Rosa-Luxemburg-Platz

 Kurzfassung

Eine beinahe wahre Geschichte, die zufällig in Russland spielt: der Teufel hält Einzug, und, diabolisch, wie es seine Art ist, zeigt er der Gesellschaft ihr wahres Gesicht. Es ist nicht minder zum Fürchten. Nur unbeirrbar in ihrer Liebe und Opferbereitschaft: Der Meister und seine Margarita.

 

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Die Aufführung - eine Koproduktion mit den Wiener Festwochen - dauert nach Art des Hauses vier lange Stunden und erzählt einen Roman von Michail Bulgakow, in dem ein Schriftsteller ein Epos über Pontius Pilatus geschrieben hat, der jedoch von der Zensur abgewiesen worden ist. Schließlich hat er sich verzweifelt in eine Nervenheilanstalt zurückgezogen. Und Bulgakov erzählt von Margarita, die einen Pakt mit dem Teufel eingeht, um „den Meister“ vor dem wirklichen Wahnsinn und dessen Buch vor dem Vergessen zu retten. Da Michail Bulgakov (1891-1940) sein satirisches Epos nun aber zur Zeit Stalin geschrieben und darin die Bolschewiken-Kulturbürokratie geradewegs „verteufelt“ und auch sonst nicht zimperlich war, die Um- und Urständ der geknechteten Schriftsteller-Kaste scharf zu durchleuchten, musste das Werk des Meisters Bulgakov noch 26 Jahre nach dessen Tod in der Versenkung verharren bis es seinen Siegeszug in die Weltliteratur antreten durfte.

Zwar ist Voland, der Teufel höchstpersönlich, in der Volksbühnenfassung mit Herbert Fritsch ein äußert lahmer Höllenherr, und auch seine drei Spießgesellen entbehren jeglicher Kunst, die Menschen in Moskau (und in Berlin!) das Fürchten zu lehren. Doch da sie über weitaus  subtilere Methoden verfügen, um die regimetreuen Poeten, Journalisten und Kulturfunktionäre in die Irrenanstalt zu führen, tut das Fehlen eines jeglichen teuflischen Charismas dem Geschehen keinen weiteren Abbruch. Auch ist die Castorf`sche Video-Passion für die Inszenierung diesmal äußerst hilfreich, weil die lässige Sprache der Schauspieler nicht allzu weit in den Zuschauerraum dringt. Über Video und Tonverstärker also werden aus den rückwärtigen Räumen der Bühne die schmerzvollen Ängste des Pilatus ( Martin Wuttke prachtvoll paranoid) filmisch übertragen, der mit einem ebenso menschlich-angstvollen wie göttlich-unbeirrbaren Jesus in der Badewanne disputiert. So könnte es gewesen sein - vor 2000 Jahren! Der Meister hat darüber meditiert, Voland aber ist der Beweis: schließlich war er dabei. Und, wo es einen Teufel gibt, gibt es auch einen Gott – sonnenklar, doch in Russland ( und vielleicht auch heutzutage bei uns?) hat das Profane jegliche Irrationalität verdrängt, an Unerklärbares zu glauben, gilt als subversiv, der Wahnsinn steckt im scheinbar Normalen.

Während im winzigen Krankenzimmer die verstörten Intellektuellen einander mit Fango und Bettdecken bewerfen und die Krankenschwester epileptisch zuckt, verwandelt sich Margarita (teuflisch betörende Kindfrau Kathrin Angerer) für eine Nacht in des Satans königliche Kurtisane, empfängt auf seinem jährlichen Ball die teuflischen Größen der Historie, rettet eine Kindsmörderin und schließlich auch ihren Meister. Das alles empfiehlt sich vorher zu wissen, dann hat man nicht so große Mühe, der Aufführung zu folgen. In ihr tummeln sich einem von Bert Neumann gebauten multimedialen Bühnenraum als weitere Teufel, Dichter und andere Menschen: Hendrik Arnst, Marc Hosemann, Joy Kristin Kalu, Michael Klobe, Kurt Naumann, Milan Peschel, Irina Potapenko, Bernhard Schütz, Sir Henry, Joachim Tomaschewsky. Die Videokamera führen Jan Speckenbach und Jörg Broksch. A.C.