Fabian 

von Erich Kästner 

in einer Bearbeitung von Joachim Meyerhoff

 

 Wider die Trägheit des Herzens

 

 

 

Maxim Gorki Theater

Regie: Joachim Meyerhoff

Bühnenbild:Olaf Grambo

Kostüme: Sabine Volz

mit: Monika Hetterle, Bettina Hoppe, Katrin Hylla, Franziska Krol, Monika Lennartz, Francesca Tappa; Thomas Bischofberger, Horst Fischer, Tim Hoffmann, Pavel Klering, Fabian Krüger, Marcus Mislin, Dietmar Obst , Eckhart Strehle, Hans-Joachim Wagner

Kurzfassung

Wer bis zur Pause das alberne und inhaltslose Gewusel auf der Bühne tapfer durchhält, wird in der zweiten Hälfte der szenischen Bearbeitung von Erich Kästner Romans "Fabian" von einer sich zunehmend steigernden Dramatik überrascht. Auch sind jetzt witzige Bühnenbilder wie eine Wohnküche als Aufzug oder große Nester für fröhlich zwitschernde Menschen-Vöglein eingebaut, die den Ablauf des traurigen Schicksals eines Melancholikers auch dann und wann in ein heiter-absurdes Licht tauchen. Die Schauspieler können sich hier keine Meriten verdienen.

 

Zurück

 

Nicht immer sind schriftstellerischer Wortwitz und philosophisch reflektierte Wahrnehmung der Wirklichkeit für eine theatralische Bearbeitung geeignet. Meyerhoff und Laufenberg müssen sich insofern mit ihrer Inszenierung des "Fabian" der Kritik stellen; Sie sollten schon zu Beginn jeder Aufführung ihr Publikum auf ihre Absichten hinweisen, da sich im Nachherein das Konzept wohl nicht mehr zurechtrücken läßt, Das Programmheft allein genügt da nicht; besser wäre es sogar, den Kästner-Roman vorab zu lesen. Denn warum hocken diese Männer und Frauen da im Halbstuhlkreis wie in einer Gruppenpsychotherapie zusammen und führen einander seltsame körperliche Zuckungen vor oder eine Frau zerbeißt sich wie eine wild gewordene Tigerin in Fabians Hemd? Das kann nur ertragen und verstehen, der weiß, das sich dieser junge Mann Fabian (promovierter Geisteswissenschaftler, doch zur Zeit Texter für die Zigarrettenwerbung, zwecks Kontaktaufnahme in obskure Gesellschaften und Clubs begibt. Allerdings ergreift er wieder die Flucht angesichts verschiedener Abnormitäten, wie sie ihm auch eine betuchte Nymphomanin immer wieder anbietet, die ihm auf seinem Lebensweg seltsamerweise fortwährend begegnet. Ein schauriges Schicksal, dem er ebenso erfolgreich ausweicht, wie aller gesellschaftlich-bürgerlichen Verantwortung. Trotz fortwährender Enttäuschungen hofft er letztlich auf mehr Einsichtfähigkeit, Ehrlichkeit, eine klare Sicht der wahren politischen und menschlich unwürdigen Verhältnisse und entsprechend mündiges Handeln aller Bürger.

Da dieser Prozess aber auf sich warten lässt, verliert Fabian zunächst seine hübsche Freundin, die ihre Zukunft als Filmschauspielerin im Bett eines alten Produzenten sieht; dann verliert er seinen (an der Widerlichkeit seiner Neider zerbrochenen) Freund, einen vergeblichen Revoluzzer aus betuchtem, aber zerstörtem Elternhaus, dann schließlich seine Stellung. Nun gehört er zum Heer der Fünf-Millionen deutschen Arbeitslosen am Abend der Weimarer Republik und verliert die Contenance: Heim zu Mama und in ihrem Schoß heftig ausgeheult! Da ist überhaupt diese intensive Mutterbindung, die stutzig macht, und unter anderem eine weitere Erklärung für Fabians Lebensuntüchtigkeit ist.

Meyerhoff hat  besonders die Passagen beeindruckt, die zeitlos auf heutige Ereignisse übertragbar sind: Zunehmende Arbeitslosigkeit, blindes Volksvertrauen in Politikerversprechen und abgedroschene Reden, Abhängigkeit der Medien, Perspektivlosigkeit einer pessimistischen Intellektuellenschicht. Aber er hat bei Kästner auch einen Ausweg gefunden: Wenn die "Die Trägheit der Herzen" überwunden werden könnte, wäre vielleicht doch ein humanes Miteinander möglich. A.C.