Moskau-Petuschki

  von
Wenedikt Jerofejef

 

 

Die Engel lachten schallend

 

 

 

wechselweise im Programm

Maxim Gorki Studio

Bearbeitung, Regie und Darsteller: Joachim Meyerhoff

So heiter kann die bittere Wirklichkeit aussehen...

 

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Das ist Theater vom Feinsten, auch wenn es "nur" ein Ein-Mann-Spektakulum ist. Aber das hat es gehörig in sich. Joachim Meyerhoff ist die Verkörperung des Trinkers und Philosophen, der erfolglos ein kleines Leben lang damit verbracht hat, den Krakenarmen des Kreml zu entkommen, indem er mit dem Zug nach Petuschki fährt, jedoch niemals sein verklärtes Ziel erreicht. Gleichermaßen ist er bemüht, sich mit allen ihm noch zur Verfügung stehenden Mitteln und Mixturen zu Tode zu trinken.

Aus der erst 1988 in der Sowjetunion veröffentlichten Novelle von Wenedikt Jerofejew (1938-1990; Übersetzung Stephen Mulrine) ist ein Drama entstanden, das die politischen und gesellschaftlichen Zustände in der Sowjetunion mit den Meditationen des schon meschuggen Alkoholikers Semjonytsch geißelt.

Meyerhoff, der seinen anderthalbstündigen Alleingang auf einer langen schmalen Bühne vor offenen Fenstern gemeinsam mit Beate Heine inszenierte, spielt mit sich und dem Zuschauer eine Art Katze und Maus. Mit den nicht einzuschätzenden jähen Gemütsveränderungen des geistig schon arg derangierten Trinkers versetzt er sein Spiel auf verschiedene Bewusstseinsebenen zwischen heiterer Unterhaltung und abgrundtiefem Nihilismus. In der Novelle teilt Semjonytsch, der stets trunkene Oberschaffner, seinen Tagesablauf und den Fahrpreis der Reisenden längst nach Maß und Art der verschiedenen Getränke ein, von denen er sich nährt...In der Theaterversion hat der Trinker die Schaffnerstelle wie auch alle anderen Anflüge einer festen Tätigkeit als Brigadier jedoch längst hinter sich gelassen. Dann und wann legt er Gesicht und Körper auf die Aufsatzfläche eines Fotokopieres, aus dem er wunderliche Bilder zieht: fragwürdige Kurven und fragmentarische Schatten eines sich auflösenden Menschen.

  Auch für das Publikum wird dieses Spiel zum Drahtseilakt zwischen Lachen und Entsetzen. Unfassbar, wie der Penner im Schlafsack inmitten der gurrenden Täubchen vor dem Kreml wie ein armer Irrer mit Megaphon in der Hand daherredet! Als er den langen dünnen Körper endlich aus der dicken Umhüllung gepellt hat, spricht er noch immer durch einen kleinen vor den Mund gebundenen Lautsprecher, qualvoll, verrückt und doch zu verstehen. Semjonytsch spricht zu allen, zu uns, den Engeln, die am Ende "schallend lachen", zu den Mitreisenden, zu seinem kleinen kranken imaginären Sohn; Er schwärmt von Frauen, die er wegen Volltrunkenheit nie hat besitzen können, er erzählt anrührende Geschichten aus dem Leben seiner Schnapsbrüder, und er mixt sich den endgültig tödlichen Trank "Der Geist von Genf" aus Putzmitteln und Parfum- den Bestandteilen eines bürgerlichen Lebens. A.C.